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Die Gummibärchen auf dem Tropfständer

Es war einmal ein kleines Mädchen, das hiess Milli.

Sie aß für ihr Leben gern Gummibärchen. Als Milli vier Jahre alt wurde, feierte sie ein grosses Fest. Da kamen viele Kinder aus dem Kindergarten, die Omas und Opas und Tanten, und natürlich ihre Schwester Kitti, Mama und Papa. Alle wussten, dass Milli gerne Gummibärchen aß, und darum bekam sie ganz viele Tüten voll geschenkt. Es waren so viele, dass Milli sie nicht aufessen konnte. Das war sehr erstaunlich, Mama packte die restlichen Tüten weg, damit Milli kein Bauchweh bekam. Doch ein paar Tage später hatte Milli gar keinen Appetit mehr, nicht einmal auf Gummibärchen. Sie hatte so grosse Schmerzen, dass sie immer weinen musste.

„Leukämie“, sagten die Ärzte mit ernstem Gesicht. „Dein Blut ist krank“, erklärte Mama. Ein Krankenwagen brachte Milli und ihre Mama weit weg in ein grosses Krankenhaus. Dort waren noch mehr Kinder, die auch Leukämie hatten. Sie sahen merkwürdig aus, hatten keine Haare auf dem Kopf und Schläuche im Arm. Die Schläuche führten zu Beuteln voller Flüssigkeit, die an hohen Gestellen auf Rädern hingen. „Das sind Tropfständer“, erklärte Schwester Steffi, „ daran hängen wir die Beutel mit deiner Medizin. Die tropft dann durch den Schlauch in dein Blut und macht dich wieder gesund.“ „ Wie kommt denn der Schlauch in mein Blut?“, wollte Milli wissen. „Der Schlauch ist mit einer dünnen Nadel verbunden“, antwortete die Schwester, „ die auf deiner Hand oder in deinem Arm in eine Ader gesteckt wird, in der dein Blut fliesst.“ „Tut das weh?“, fragte Milli ängstlich. „Ja“, gab die Schwester zu, „aber wenn du stillhältst, geht das Pieksen schnell vorbei, und danach tut es nicht mehr weh.“

Mama packte inzwischen die Sachen aus, die sie für Milli mitgenommen hatte: Schlafanzüge und Bilderbücher, ein Schmusetier und Malstifte. Sie hatte auch eine Tüte Gummibärchen mitgenommen. Die legte sie auf Millis Nachtschränkchen. Milli hatte grosse Angst vorm Pieksen. Der Fingerpieks war erträglich, der Armpieks war schlimm, aber am schrecklichsten war der Rückenpieks, denn da konnte Milli gar nicht sehen, was der Arzt machte. Manchmal wurde dem kleinen Mädchen von der Medizin sehr schlecht. Dann hatte es den ganzen Tag lang keinen Appetit. Oder es aß ganz komische Sachen: Kartoffelsalat mit Marmelade oder drei Eier mit Schokoladenpudding.
Eines Tages wollte sie nichts anderes essen als Gummibärchen; kein Brot, keine Butter, nur Gummibärchen. Mama schüttelte zwar den Kopf, aber dann nahm sie doch die Tüte vom Nachtschrank und machte sie auf. Dabei fielen zwei Gummibärchen auf den Fussboden, ein rotes und ein grünes. Mama hatte es gar nicht bemerkt, aber Milli schaute nach unten. Da geschah etwas Sonderbares: Die beiden Gummibärchen standen auf, liefen auf ihren kleinen Gummibeinen zum Tropfständer und kletterten blitzschnell an der Stange hinauf. Als sie auf dem Apparat angekommen waren, schauten sie Milli direkt ins Gesicht. Die hatte vor Stauen den Mund offengelassen. Doch es wurde noch merkwürdiger. Die Gummibärchen fingen an zu sprechen. „Hallo“, sagte das rote, „ich heisse Tip und das hier ist Tap. Wie geht es dir heute? Haben sie dich wieder gepiekst?“ Milli nickte stumm und schaute zu ihrer Mama hinüber. Doch die las in einer Zeitschrift und hatte anscheinend nichts gehört oder gesehen. „Deine Mama kann uns nicht hören“, sagte Tap zu Milli. „Für die Erwachsenen sind wir ganz gewöhnliche Gummibärchen, die in den Zähnen kleben und zu viel Zucker haben.“ „Pass mal auf, Milli“, unterbrach Tip den Tap, „Wir sind gekommen, um dir zu helfen. Wenn sie dich das nächste mal zum Rückenpieks holen, dann nimmst du uns einfach in den Mund und beisst ganz fest zu“. „Ja aber, das kann ich doch nicht machen“, zitterte Milli erschrocken, „ stellt euch vor, ich beiss euch aus Versehen den Kopf ab, oder schlucke euch sogar runter!“ „Das macht nichts“, antwortete Tip. „Dafür werden wir ja gemacht“, sagte Tap. 

Als das nächste Mal Schwester Steffi Milli und Mama ins Behandlungszimmer holte, weil Milli einen Rückenpieks bekommen sollte, schaute sie ängstlich zum Tropfständer. Doch Tip und Tap nahmen schon Anlauf und riefen: „Milli, mach den Mund auf, wir kommen!“ und –schwupp- waren sie in Millis Mund gesprungen. „Und jetzt fest die Zähne zusammenbeissen“, riefen die beiden Gummibärchen. Das tat Milli auch. Sie hatte zwar wieder grosse Angst, und es tat auch diesmal weh, aber das Zähne zusammenbeissen half. Der Arzt und die Schwester lobten sie: „Prima Milli, du bist ja heute ganz tapfer! So, siehst du, schon geschafft!“ Vor lauter Stauen, wie schnell es ging, schluckte Milli kräftig. Zu spät merkte sie, dass sie Tip und Tap verschluckt hatte. „Oh“, entfuhr es ihr, doch da sah sie zu ihrem grossen Erstaunen ein rotes und ein grünes Gummibärchen auf ihrem Tropfständer vergnügt auf – und abhüpfen und ihr fröhlich zuwinken.

Die Wochen vergingen, und Milli hatte sich daran gewöhnt, dass immer, wenn sie sie brauchte, Tip und Tap auf ihrem Tropfständer waren, trösteten, Mut machten und sie mit lustigen Spässen zum Lachen brachten. Milli kämpfte gegen die Leukämie, und eines Tages sagten die Ärzte:“ Du kannst nach Hause, bald bist du ganz gesund.“ Milli freute sich riesig und hopste in ihrem Bett bis es quietschte. „Euch nehme ich mit nach Hause“, sagte Milli lachend zu Tip und Tap. Doch sie schüttelten den Kopf. „ „Nein Milli“, sagte Tap, „wir müssen hierbleiben. Jetzt brauchen uns andere Kinder“. Zuerst wollte Milli protestieren, doch dann sah sie Tommy im Bett am Fenster. Er war seit einer Woche hier, ganz blass und traurig, und hatte eine ganze Piekserei und die eklige Medizin noch vor sich. „In Ordnung“, nickte sie, „Helft Tommy, damit er gesund wird.“ Als sie sich von Tommy verabschiedete, sah sie den roten und den grünen Winzling über den Fussboden laufen und als sie von der Tür aus zum letzten Mal winkte, schaute Tommy gerade mit offenem Mund auf seinen Tropfständer.

Im Eingang des Krankenhauses nahmen Papa und Kitti Milli in die Arme. „Ich habe dir etwas mitgebracht!“, rief Kitti, zog eine Tüte Gummibärchen aus ihrer Tasche und gab sie Milli. „Ich glaube, Milli mag gar keine Gummibärchen mehr“, gab Mama zu bedenken. Aber Milli hatte die Tüte schon aufgerissen. „Doch, Mama „, antwortete sie „Gummibärchen mag ich furchtbar gerne. Nur die roten und die grünen, die lasse ich hier. Die haben hier etwas wichtiges zu tun.“ Mama, Papa und Kitti schauten Milli erstaunt an, die damit beschäftigt war, die Gummibärchen zu sortieren. Die gelben, weissen und orangefarbenen Gummibärchen blieben in der Tüte, die roten und grünen aber legte sie auf einen Tisch. Als sie fertig war, flüsterte sie ganz leise: „ Ihr wisst, was ihr zu tun habt. Viel Glück!“ Dann nahm sie Kitti bei der Hand, und die beiden Mädchen liefen lachend in einen sonnigen Frühlingstag.

Herzliche Grüße Regina B.

Übrigens: Meine Tochter war vier Jahre alt, als sie an Leukämie erkrankte. Jetzt ist sie 20, gesund und macht gerade Abitur.

 
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