Der
kindliche Krebspatient und seine Familie
1.
Einleitung:
Daß
bereits 1905 Sigmund Freud bei der Behandlung eines Kranken auf die Einbeziehung
der familiären Verhältnisse aufmerksam machte, wird selten
angemerkt:
Zitat
S.Freud (1905):
"Aus
der Natur der Dinge... folgt, daß wir in unseren Krankengeschichten
den rein menschlichen und sozialen Verhältnissen des Kranken
ebensoviel Aufmerksamkeit schuldig sind wie den somatischen Daten
und den Krankheitssymptomen. Vor allem andern wird sich unser Interesse
den Familienverhältnissen des Kranken zuwenden..."
Zitat
aus dem Tagebuch eines krebskranken Kindes:
"Eigentlich
waren alle Tage vor meiner Krankheit super. Ich hatte ein wunderschönes
Kinderleben. Ich wußte noch nicht Bescheid über unsere "heile
Welt’’. Ich wurde ja immer von meinen Eltern beschützt.
Ich wurde keinen Gefahren ausgesetzt.
Als
ich dann krank wurde, konnten mich meine Eltern nicht mehr beschützen.
Sie waren zwar da, aber sie mußten zusehen, ohne daß sie
etwas machen konnten..."
So
weit die Worte aus den Tagebuchaufzeichnungen einer 13jährigen
Krebspatienten, die in eindrücklicher Weise, die veränderte
Situation in der Familie beschreibt. Den Verlust der schützenden
Hülle, der Geborgenheit, vor allem jedoch die Hilflosigkeit der
Eltern erschüttern die "heile Welt" der 13jährigen.
Eine
Mutter sprach von diesem Einschnitt als einem "Leben vor, und
einem Leben nach der Krankheit". Deutlicher lassen sich die Veränderungen
in der familiären Umwelt nicht beschreiben, die meist von heute
auf morgen auftreten und innerhalb kurzer Zeit eine Neuorientierung
des Familiensystems erfordern.
Mit
diesen Bildern familiärer Belastungen möchte ich die praktischen
und theoretischen Überlegungen zu einer familienorientierten Betreuung
einführen und 2 Bemerkungen voranstellen:
- Kinder, nicht
nur kranke, brauchen das schützende Umfeld der Familie, um schwere
Belastungen ohne traumatische Schädigung zu überstehen.
- Das Krankenhaus
braucht jedoch auch die Familie, um ein lebensbedrohlich krankes
Kind zu behandeln und zu heilen, oder ihm ein Sterben in Geborgenheit
zu ermöglichen.
2.
Notwendigkeit der Familienorientierten Betreuung im klinischen Setting:
In
den letzten Jahren hat sich die wissenschaftliche Forschung, v.a. jedoch
die klinische Praxis mit der Frage der Krankheitsbewältigung und
-verarbeitung, den mit ihr verbundenen Coping- und Abwehrmechanismen
und der Frage der Lebensqualität von krebskranken Kindern und
ihren Familien auseinandergesetzt (VanDongen-Melman et al. 1996, 1995;
Petermann et al. 1986, 90, 94; Chesler u. Barbarin 1987; Eiser, C.
1990; Häberle H. 1995). Diese Auswirkungen einer immer noch lebensbedrohenden
Erkrankung betreffen nicht nur die Patienten, ganz besonders die Angehörigen
und das soziale Umfeld des Kindes und Jugendlichen, darin eingeschlossen
sind das onkologische Team, Ärzte, Pflegende und psychosoziale
Betreuer. So wurde eine familienzentrierte ganzheitliche Betreuung,
in die Eltern, Geschwister und das soziale Umfeld einbezogen sind zu
einem unabdingbaren Bestandteil kooperativer medizinischer Therapiemaßnahmen
bei krebskranken Kindern und Jugendlichen. Im Gegensatz dazu wird die
Einbeziehung der Angehörigen bei erwachsenen Krebspatienten immer
noch als störend im Klinikalltag empfunden.
Die
Erfahrungen mit dem Leiden krebskranker Kinder sowie den damit verbundenen
extrem belastenden und langandauernden medizinischen Behandlungen veranlaßten
schon zu Beginn der 80er Jahre engagierte Eltern, eine psychische Unterstützung
ihrer kranken Kinder während der stationären und in der ambulanten
Behandlungsphase einzufordern. Vorbild waren die Selbsthilfegruppen
der Candle-Lighters, die schon Jahre früher in den USA eine wichtige
Elternarbeit leisteten. Die gegenseitige Unterstützung der Betroffenen,
diese "Hilfe zur Selbsthilfe", leistet einen entscheidenden
Beitrag in der Krankheitsbewältigung und zeigt gleichermaßen,
daß die psychosoziale Begleitung krebskranker Kinder nicht ausschließlich
an psychosoziale Experten delegiert werden darf, sondern die Kompetenzen
der Familien anerkannt und aufgegriffen werden müssen. Eine Expertenversorgung
dieser Patienten und ihrer Angehörigen muß daher nach Moeller
(1986) als eine
"Durchgangsstation" verstanden werden; psychosoziale Experten
sollen Betroffene in erster Linie ermutigen und befähigen, z.B.
in Selbsthilfegruppen eigenständig ihre Aufgaben zu übernehmen.
Neben ihrer familiären
"Bewältigungskompetenz" wurden Selbsthilfegruppen in der
Sorge um ihre schwerkranken Kinder zu einem wichtigen gesellschaftspolitischen
Organ, insofern ihre Arbeit und Einsatzbereitschaft nicht für notwendige
öffentliche Maßnahmen im Gesundheitswesen mißbraucht
werden.
Die
psychische und soziale Betreuung krebskranker Kinder und Jugendlicher
ist daher undenkbar ohne den Einsatz und die Unterstützung durch
die Familienangehörigen. Gleichzeitig wissen wir, daß Familien
sowohl in der Pflege als auch in der Betreuung bis an ihre Grenzen
belastet sind. In einer Zeit, in der die Funktionen von Familien in
ihrer gesellschaftspolitischen Bedeutung eher in den Hintergrund treten,
erbringen sie dennoch ein hohes Maß an präventiven Gesundheitsleistungen.
Die eminente Bedeutung der Familie als wichtigster sozialer Kontext
für die Gesundheitserhaltung und die Krankheitsbewältigung
zeigen uns Zahlen, indem immerhin 90% aller vollständigen Familien
in unserer Gesellschaft ihre kranken Angehörigen selbst betreuen
(Leitner u. Pinding 1978; Breitkopf et al. 1980).
Familiensoziologen
belegen in wissenschaftlichen Studien (Gerhardt und Friedrich 1982,
Kickbusch 1981, Pratt 1976, Vincent 1966, Olson 1970), daß Angehörige
in Krisensituationen durch enorme Kraftanstrengungen eine oft ungeahnte
Energie aufbringen und damit neue Lösungsmöglichkeiten für
die entstandenen Probleme finden. Sie widerlegen damit eine ältere,
vor allem von dem amerikanischen Soziologen T. Parsons (1952) getragene
These über den Funktionsverlust der modernen Familie. Dieser ging
davon aus, daß die Funktionen der Familie weitgehend an gesellschaftliche
Instanzen und Institutionen abgegeben wurden und sie lediglich die
Aufgaben der Reproduktion, Sozialisation und Emotionalität zurückbehielten.
Durch die Übernahme zahlreicher gesundheitspolitischer Aufgaben,
so v.a. bei kranken und behinderten Kindern, widerlegt die moderne
Familie ihren mancherorts behaupteten Funktionsverlust, sie erhält
im Gegenteil unter den Restriktionen staatlicher Versorgungsleistungen
aktuelle Bedeutung.
Diese
Einsatzbereitschaft betroffener Familien führt jedoch zunehmend
zu Überforderungen und Erschöpfung. Veränderte Familienstrukturen-
und Rollenerwartungen einer modernen Kleinfamilie, die extreme Zunahme
alleinerziehender Eltern, - v.a in urbanen Regionen - , Berufstätigkeit
der Frau, hohe Scheidungsraten, Arbeitslosigkeit usw. stellen Familien
oft vor unlösbare Situationen und bringen neue schwerwiegende
Probleme mit sich. So hängt die Art der Krankheitsbewältigung
wesentlich von der Familiengröße und den familialen Zusammenhalt
ab; insbesondere unvollständige Familien haben die größten
Schwierigkeiten, sich auf die Bedürfnisse kranker Familienmitglieder
einzustellen (Litman 1974). Den "Abbau sozialstaatlicher Leistungen
mit dem Hinweis auf die sozialen und medizinischen Eigenleistungen
der Familien begründen zu wollen", erweist sich als außerordentlich
fragwürdig, wenn wir ungeprüft auch belasteten Familien diese
Aufgaben zuweisen. Auch wenn ein Abbau solcher Versorgungssysteme unter
dem Aspekt der De-Professionalsierung und De-Institutionalisierung
in Teilbereichen unser Gesellschaft heute durchaus willkommen sein
kann, muß er jedoch durch entsprechende begleitende professionelle
Hilfen aufgefangen und ergänzt werden. Es gilt daher die Einsatzbereitschaft
der betroffenen Familien auch unter solchen Aspekten zu sehen, um die
Grenzen ihrer Belastbarkeit deutlich zu machen und Labisch spricht
in diesem Zusammenhang von einer "Hilfsbedürftigkeit im Niemandsland"
(Labisch 1989).
3.
Von der Kinder- zur Familienklinik
Ein
ganzheitliches familienzentriertes Therapiekonzept erforderte ein Umdenken
innerhalb der institutionellen Rahmenbedingungen eines hochtechnisierten
Krankenhauses.
Bereits
im vorigen Jahrhundert hatte M. Pfaundler (1899) auf psychische Schäden
bei Säuglingen, die in Heimen aufwuchsen, hingewiesen. In den
30er Jahren d.Jh. führte vor allem R. Spitz (1965) empirische
Studien durch, die zeigen, daß Kinder in Säuglingsheimen
eine größere Anfälligkeit gegenüber Infektionen
und eine erhöhte Sterblichkeit aufweisen. Bowlby (1961) zeigte,
daß ein länger andauernder Entzug der mütterlichen
Fürsorge für ein kleines Kind schwere und weitreichende Folgen
für seine Persönlichkeit und damit für sein ganzes späteres
Leben haben kann. Das englische Psychiaterehepaar Robertson (1974)
beschreibt die Phasen des "Protestes, der Verzweiflung und der
Verleugnung", die ein Kind nach der Klinikaufnahme und Trennung
von der Mutter durchläuft. Sie forderten daher die Mitaufnahme
eines Elternteils in das Krankenhaus (bekannt unter dem Namen des Rooming-in),
um Störungen im Seelenleben des Kindes möglichst gering zu
halten.
Diese
Forschungsergebnisse wurden in England bereits in den 50er Jahren zur
Gesetzesgrundlage, die es Eltern ermöglichte, kostenfrei mit ihrem
kranken Kind in der Klinik aufgenommen zu werden. Kindertherapeuten
wie Anna Freud und Thesi Bergmann (1972) trugen mit ihren Erfahrungen
bei kranken Kindern entscheidend dazu bei, das Kinderkrankenhaus in
eine humanere Einrichtung zu verwandeln.
Sehr
viel später, erst im Laufe der 70er Jahre, lockerten sich auch
in Deutschland die bis dahin noch übliche Rigidität in den
Kinderkrankenhäusern, die eine Mitaufnahme eines Elternteils untersagte
und die lediglich eine z.B. einmal wöchentliche Besuchszeit erlaubte.
Heute ist es selbstverständlich geworden, das familiäre Umfeld
des Kindes in die medizinische Behandlung einzubeziehen und die Bedeutung
der psychosozialen Betreuung für den Heilungsprozeß anzuerkennen.
Durch psychosoziale klinische Betreuungsmodelle, praktische familiengerechte
Ausstattungen wie Aufenthaltsräume für Angehörige auf
der Station, durch Familienwohnungen, Geschwisterbegegnungstätten,
Tageskliniken etc. ist dieser Wandel von der "Kinder- zur Familienklinik" vollzogen
und damit die institutionelle Voraussetzung einer familienorientierten
Betreuung geschaffen worden (Niethammer 1983, Leidig et al. 1995, Maier
1995; Häberle 1989, 1993, 95).
4.
Der familienzentrierte Betreuungsansatz
Doch
welche Forderungen werden damit an die Betroffenen gestellt, in einem
Augenblick, in dem ein Kind vom Tod bedroht ist? Übersteigt das,
was wir in einer familienorientierten Betreuung verlangen ihre Kräfte?
Welche Hilfestellungen benötigen das kranke Kind, seine Eltern
und Geschwister, um diese Belastungen weitgehend störungsfrei
zu überstehen?
Es
zeigt sich, daß die sozialen und psychischen Faktoren und die
Belastung im Krankheitsgeschehen sehr eng mit den zentralen Beziehungen
und Umweltbedingungen des Kindes verbunden sind, und daß letztere
den Prozeß
der Krankheitsverarbeitung und die erfolgreiche Adaption an einen oft
chronisch verlaufenden Krankheitsprozeß
unterstützen.
Dabei
sind folgende Faktoren im familiären Kontext des Patienten von
Bedeutung (Strittmatter 1994, Zettl 1996):
- die Persönlichkeit
des Patienten und der Familienmitglieder
- die Stellung
des Kranken in der Familie, die Rollenverteilungen
- die Kommunikationsstrukturen
- die sozio-ökonomische
Situation der Familie
- die Struktur
der Sozialbeziehungen nach außen
- die medizinischen
und sozialpolitischen Ressourcen und deren Kenntnis auf seiten der
Familienmitglieder ("wo finde ich welche Unterstützung")
Die
Familie hat auf die Bewältigung von Krankheit einen großen
Einfluß. Sie entscheidet über Art und Ausmaß
des Erlebens der körperlichen Betroffenheit, über den Verlauf,
den Sterbeprozeß wie auch die Trauerzeit danach. Frühere "normale" Lebensbezüge
werden außer Kraft gesetzt; die Familien verlieren dadurch ihre
Gewohnheit, ihren Zusammenhalt, Konflikte treten viel stärker auf,
sind unvorbereiteter und in diesen Extremsituationen weniger von selbst
zu lösen. In manchen Familien kann damit die Krise zur Normalität
werden, vor allem dann, wenn ihre Mitglieder in großer Isolation
zueinander lebten und die Kommunikation schon vor der Erkrankung gestört
war. Manchmal sind die Familien nach langer Krankheitszeit in jeder Hinsicht
"ausgebrannt" und haben keine Energie mehr, sich mit anderen
schwierigen Lebenssituationen auseinanderzusetzen, ganz besonders, wenn
ein Kind gestorben ist.
Die
lebensbedrohliche Erkrankung und der Tod von Kindern und Jugendlichen
bedeuten daher nicht nur für den Patienten, sondern für alle
Familienmitglieder eine existenzielle Bedrohung. Doch die Notlage,
in der sich die ganze Familie - und nicht nur das kranke Kind befindet,
wird gar zu oft übersehen und die Hilfsbereitschaft und -fähigkeit
der Angehörigen gilt als eine einzufordernde Selbstverständlichkeit.
Sehr spät erst wurde erkannt, daß die "gesunden" Familienmitglieder
auch als Leidende zu betrachten sind.
Für
die Eltern besteht die unumgängliche Notwendigkeit, die Krankheitssituation
und die damit verbundenen
Ängste und Schwierigkeiten zu bewältigen. Selbst unmittelbar
betroffen und sehr verletzlich, stehen Eltern oft unter der doppelten
Belastung, mit ihrer eigenen Betroffenheit fertig zu werden und in erster
Linie dem kranken Kind in seiner lebensbedrohten körperlichen und
seelischen Entwicklung beizustehen und gleichzeitig für die Sorgen
der gesunden Geschwister bereit zu sein.
Spannungen
entstehen auch aus der strikten Rollenteilung, die die Betreuung des
kranken Kindes fast zwangsläufig vorgibt. In der Regel kann sich
nur ein Elternteil um das Kind kümmern, der andere verdient den
Lebensunterhalt. Die Beziehung zwischen Mann und Frau, oft auch die
sexuellen Bedürfnisse werden zurück gestellt, in einer Zeit,
in der Mutter und Vater selbst emotionalen Halt und Gespräche
brauchen, um die mit der Krankheit verbundene Sorgen und Aufgaben zu
bewältigen.
Ganz
besonders belastend ist diese Situation für Alleinerziehende.
Kinder aus diesen Familien zeigen nach einer Untersuchung von Mulhern
et al. (1989) vermehrt psychische Auffälligkeiten. Alleinerziehende
Eltern können weit weniger Zeit zur Betreuung aufbringen, da sie
die Doppelbelastung der Sorge um das kranke Kind und ihre berufliche
Situation vereinbaren müssen.
Als
Hauptbelastungen für die Eltern krebskranker Kinder nennen VanDongen-Melman
(1995, 96):
- Kontrollverlust
der Elternfunktionen
- Veränderungen
in der Eltern-Patienten- und Eltern-Geschwister-Beziehung
- Bedrohung des
elterlichen Selbstwergefühles
- Schuldgefühle,
krankheitsbedinge Ängste, Depressionen, psychisches und physiches
Unwohlsein, Einsamkeit und Schlafstörungen u.ä.
Neben
diesen emotionalen Belastungen verändern sich die Rollen im familiären
System, indem das kranke Kind in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit
rückt, während es vorher einen gleichberechtigten Platz unter
den Kindern einnahm. Im weiteren Verlauf der Erkrankung, kann sich
die familiäre Situation normalisieren, allerdings wird es nie
mehr wie vor der Erkrankung sein. Dabei beobachten wir mehrere kritische
Phasen in der Krankheitsverarbeitung, in denen häufig familiäre
Problem eskalieren, so vor allem nach Entlassung aus dem schützenden
Umfeld der Klinik, nach einem Rezidiv und nach dem Tod des Kindes.
Rollenveränderungen
im Familiensystem nach der Erkrankung eines Kindes

VanDongen-Melman
1996
In
dieser notwendigen Neuverteilung der Rollen, ist es meistens die Mutter,
die die "Schicksalslast"
trägt und den Schock der Diagnose für Kind und Familie abfängt,
indem sie das kranke Kind während der stationären Therapie
in dem oft entfernten Behandlungszentrum betreut und damit auch die Kommunikation
zwischen Klinik und der Familie aufrechterhält. In einer Befragung
auf unserer onkologischen Kinderstation wurden 48% aller Kinder ausschließlich
von der Mutter, 6% vom Vater, 38% von beiden Eltern, vorwiegend jedoch
auch von der Mutter, 13% von Angehörigen betreut ( Pratt 1976; Fröhlich
1986; Heuel u. Merklinger 1990).
Die
Belastungen der Mütter sind daher offensichtlich. Der Problematik
der Väter dagegen wurde bisher in wissenschaftlichen Untersuchungen
kaum Beachtung gewidmet. Aufgrund ihrer Erwerbstätigkeit und einer
immer noch als männlich zugewiesenen Rolle, reagieren sie auf
emotionale Belastungen eher verleugnend, sie werden in die Betreuung
ihres schwerkranken Kindes meist nur wenig einbezogen. Väter fühlen
sich jedoch häufig bewußt oder unbewußt ausgeschlossen,
auch weil zwischen der Mutter und dem kranken Kind eine immer enger
werdende emotionale -oft sehr symbiotisch geprägte - Beziehung
entsteht, die nicht selten auch den späteren Ablösungsprozeß
des ehemals Kranken erschwert. Neuere Ergebnisse und die Erfahrungen
aus der Praxis machen uns auf gravierende psychosoziale und psyschosomatische
Reaktionen von Vätern aufmerksam, oft lange Zeit nach der akuten
Erkrankung ihres Kindes (Hoffmeister et al 1984, Häberle 1993).
(Hinweis auf Jugendseminar, Beispiel Väter).
Wenig
Beachtung finden die beruflichen und finanziellen Belastungen, die
in einer Zeit zunehmender Arbeitslosigkeit und der damit verbundenen
Armut, ganz besonders bei ausländischen Familien, langfristig
große Probleme hervorrufen (Wallis et al. 1987).
Eine
große Sorge bereiten die gesunden Geschwister, die während
der Krankheitszeit eine große Verantwortung
übernehmen müssen und häufig mit Schulschwierigkeiten,
psychosomatischen Störungen, Ängste, aber auch Eifersucht und
Wut auf das kranke Geschwister reagieren. Diese Ergebnisse werden heute
durch zahlreiche Forschungsergebnisse bestätigt (Sellschopp und
Häberle 1985, Bürgin 1991, Spinetta 1981, Carr-Gregg u. White
1987).
Peter,
14 Jahre, dessen 4-jähriger Bruder an einer ALL erkrankte, schreibt über
seine Gefühle, Gedanken und Eindrücke beim Erleben der Erkrankung:
"Mein
Bruder Michael ist an Leukämie erkrankt. An diesen Tag erinnere
ich mich sehr genau, denn diesen Tag werde ich nicht so schnell
vergessen. Meine Mutti bat mich, sie mit ins Krankenhaus zu begleiten.
Ich bemerkte, daß sie sehr aufgeregt und innerlich aufgewühlt
war. Als der Arzt sagte, daß Michael im Krankenhaus bleiben
mußte, bekam ich ein mulmiges Gefühl im Bauch. Wir informierten
unseren Vati, daß er sofort in das Krankenhaus kam. Danach
bin ich mit meiner Mutti nach Hause gefahren. Während dieser
Fahrt sprachen wir kaum miteinander, denn jeder fühlte in
diesem Augenblick etwas anderes. Als wir wieder in das Krankenhaus
kamen, saß Michael ganz traurig in der Fensterecke. Ich war
sehr traurig und die Tränen standen mir in den Augen. Meine
Eltern waren sehr durcheinander, und ich wußte nicht, was
mit Michael geschehen würde. Ich dachte, warum nur Michael.
Warum mußte es ausgerechnet Michael sein, es gibt doch viele
Kinder auf dieser Welt. Schreckliche Gedanken schossen mir durch
den Kopf. Es könnte alle von uns treffen.
Meine
Mutti ging jeden Tag ins Krankenhaus. Ich konnte nicht jeden Tag
zu Michael ins Krankenhaus, weil ich in die Schule mußte.
Die nächsten Tage waren schrecklich. Ich vermißte meinen
Bruder, sein Plappern, sein fröhliches Lachen, einfach alles.
Meine
Eltern kamen jeden Tag sehr gestreßt vom Krankenhaus nach
Hause, deshalb fragte ich nicht so oft nach Michael`s Gesundheit.
Ständige Traurigkeit stand meiner Mutti in den Augen.
Inzwischen
sind viele Monate vergangen und vieles hat sich in unserer Familie
geändert. Gerade in dieser schweren Zeit wollte ich meinen
Eltern eine große Unterstützung sein. Ich versuchte,
meinen Eltern an täglichen Sachen einiges abzunehmen. Mir
kam die Behandlungsdauer wie eine Ewigkeit vor. Wir sind alle so
glücklich, daß Michael wieder zu Hause ist. Es ist das
schönste Weihnachtsgeschenk für mich, denn heute weiß ich,
daß Gesundheit nicht käuflich ist."
Die
Bewältigung dieser Krise setzt daher ein stabiles und integrationsfähiges
Familiensystem voraus, mit einer großen Flexibilität hinsichtlich
der Rollenumverteilung und mit einem hohen Maß an psychischer
und sozialer Stabilität. Eine solchermaßen psychisch und
sozial
"heile" Welt bleibt heute zumeist ein Familienbild romantisierender
Vorstellungen. Die moderne Situation verweist uns auf eine weit konkretere
und schwierigere Familienrealität, die geprägt ist durch hohe
Scheidungsraten, alleinerziehende Eltern in nie geahntem Ausmaße,
durch finanzielle und soziale Not. Gleichzeitig zeigen uns wissenschaftliche
Untersuchungen, daß krebskranke Kinder aus einem schwierigen familiären
Umfeld, vermehrt mit psychischen und psychosomatischen Störungen
reagieren (Häberle et al. 1989).
In
einer familienorientierten Betreuung müssen wir daher vorhandene
Ressourcen aufgegreifen, jedoch gleichzeitig psychosoziale und institutionelle
Hilfen zusätzlich den Betroffenen anbieten. Dabei gilt es, bereits
in der Klinik nach Diagnosestellung einen Rahmen zu schaffen, in denen
die Familien ihre Ressourcen erkennen und neu entfalten können.
Erhalten sie in dieser Krisensituation Unterstützung, lassen sich
gravierende psychosoziale und körperliche Schäden und Spätfolgen
langfristig zumeist vermeiden. Nahezu alle Familien krebskranker Kinde
benötigen während der stationären Behandlung - zwar
oft nur kurzfristig - eine professionelle psychosoziale Unterstützung,
nur wenige Familienangehörige brauchen jedoch eine kontinuierliche
psychotherapeutische Weiterbetreuung (Pratt 1976, Olson 1979, 1983,
Wirsching 1986, 1989, Häberle 1993).
Eine
Ausnahme stellen Familien dar, die wir heute in wissenschaftlichen
Untersuchungen als sogenannte "Risikofamilien"
bereits frühzeitig identifizieren können und die noch Jahre
nach Diagnosestellung eine fachpsychotherapeutische Betreuung benötigen
(Van Buiren, Häberle, Mathes, Schwarz 1997; VanDongen-Melmann 1996;
Hollen u. Hobbie 1995; Niethammer 1993, Sloper et al. 1994). In unserer
Untersuchung zum langfristigen Verlauf familiärer psychosozialer
Befindlichkeit krebskranker Kinder und ihrer Familien (zu jeweils drei
Erhebungszeitpunkten) zeigte sich, daß einige Familien durch die
Ca-Erkrankung ihres Kindes noch Jahre nach Diagnosestellung stark beeinträchtigt
sind. Trotz einer stationären psychosozialen Intervention (familienorientierten
Nachsorge) bleiben langfristig klinisch manifeste Störungen zurück
oder treten wieder auf, die mehr ein familiäres als ein individuelles
Merkmal darstellen. So finden sich fast alle psychisch auffälligen
Kinder in Familien, in denen mindestens ein Elternteil, meist allerdings
beide, hohe Belastungswerte auf unseren Skalen aufweisen. Diese "Risikofamilien" unterscheiden
sich von der restlichen Untersuchungsgruppe Eltern krebskranker Kinder
in Bezug auf Erkrankungsstadium bei Diagnosestellung und den aufgetretenen
Folgeerkrankungen. Sie haben zusätzlich eine signifikant höhere
Kinderzahl und nennen auffällig mehr sonstige schwierige Lebensereignisse
in den Jahren seit der Erkrankung ihres Kindes, wie z.B. Arbeitslosigkeit,
Tod eines nahen Verwandten, Unfall, schwere finanzielle Belastung, Veränderung
der sozialen Aktivitäten. Diese "Risikofamilien"
sind bereits nach Diagnosestellung höher belastet als die Vergleichsgruppe
und zeigen am Ende der Untersuchungszeit (ca. 8,4 Jahre nach Diagnose)
eine ausgesprochene Verschlechterung ihrer familiären Situation,
sie ist zumeist sogar labiler als kurz nach der Erkrankung ihres Kindes.
nach
oben
5.
Zur "Psychosomatik" der Familie :
Ist
das, was sich im Seelenleben des Kindes und seiner Familienangehörigen
abspielt nur Beiwerk und ohne Einfluß auf die Krankheit? Sind
körperliche und seelische Prozesse unabhängig voneinander?
Diese Fragestellungen zwingen uns in der Behandlung eines Menschen
einer ganzheitlichen Sichtweise in der Medizin zuzuwenden, wie es Viktor
von Weizsäcker (1950) bereits forderte, indem wir dem Körper
keinesfalls weniger, sondern der Seele mehr Aufmerksamkeit zuwenden
müssen: "Nichts Organisches hat keinen Sinn, nichts Psychisches
hat keinen Leib". Er verweist damit nachdrücklich, daß es
nicht ausschließlich körperliche, psychische oder sozial
kranke Menschen gibt, sondern, daß diese Aspekte in der konkreten
Kranheitssituation eines Menschen in unterschiedlicher Gewichtung zusammentreffen.
In der Pädiatrischen Onkologie wird dieser integrative Behandlungsauftrag,
der gleichermaßen die psychosozialen Aspekte und die Fortschritte
der medizinischen Forschung vereint, bereits seit Jahren praktiziert.
In der BRD wurde 1989 die psychosoziale Betreuung krebskranker Kinder
und ihrer Familien in die Regelversorgung der Krankenhäuser übergenommen,
und bereits 1984 die psychosoziale Arbeitsgruppe (PSAPOH) in die rein
medizinisch-naturwissenschaftlich ausgerichtete Gesellschaft für
Pädiatrische Onkologie (GPOH) integriert (Siegrist und Koch 1989,
Siegrist et al. 1993, Hanwahr 1995.
Für
diesen ganzheitlichen/integrativen Behandlungsauftrag in der Pädiatrischen
Onkologie möchte ich die Fragestellungen einer familienzentrierten
Psychosomatik zugrunde legen und deren Entwicklungen aufzeigen.
Psychosomatische
Medizin und Familientherapie sehen traditionellerweise die seelisch
bedingten oder mitbedingten Erkrankungen als ihr zentrales Arbeitsfeld
an und gehen davon aus, daß in der Familie, als unmittelbar und
einflußreichste stützende Umgebung des Kindes, dort auch
diese Leiden entstehen können.
Bis
heute ist das Modell der "psychosomatischen Familie"
(Minuchin et al.1975) das einzige, das die Ebene der Familie systematisch
in die Betrachtung der psychosozialen Faktoren, die bei Krankheiten von
Kindern eine Rolle spielen, einbezieht. Doch die Vertreter dieser Fächer
wenden sich den körperlichen Leiden kaum oder erst dann zu, wenn
ihre "Eingemeindung" durch den Entwurf einer Theorie der seelischen
Bedingtheit dieser Krankheiten gelungen scheint. Von solchen Eingemeindungsversuchen
sind auch die onkologischen Erkrankungen nicht ausgenommen. Immer dann,
wenn die Naturwissenschaften nicht in der Lage sind, die Ursachen einer
Krankheit zu erfassen - und bei den meisten kindlichen Krebserkrankungen
sind diese noch unbekannt - entsteht eine Vielfalt von Vermutungen sowohl
seitens der angrenzenden wissenschaftlichen Fächer als auch im Laienumfeld,
wobei letztere sehr oft psychosoziale oder Umweltaspekte betonen (sh.
auch Hinwendung zu "alternativen" Behandlungsmethoden, Jonasch
19..).
Im
Kontext wissenschaftlicher Bemühungen um die Aufklärung von
Krebserkrankungen aus psychosomatischer und sozialwissenschaftlicher
Sicht vor allem auf die Familie bezogen, möchte ich stellvertretend
hier Krebs-Familientherapeuten C. Bahne Bahnson, LeShan (1979, später
auch Simonton) nennen, die sehr früh schon eine seelische Entstehungsursache
des Krebs proklamiert haben. Ihre Ansicht läßt sich wie
folgt umschreiben: Sie gehen davon aus, daß das später krebskranke
Familienmitglied einen vorbestehenden schweren Familienkonflikt auf
sich zieht und durch seine körperliche Krankheit ausblendet oder
sich gleichsam opfert, wenn es nicht gelingt, den zugrundeliegenden
Konflikt dem Bewußtsein zugänglich zu machen und entsprechende
Veränderungen im Familiensystem herzustellen.
Seit
diesem "psychosomatischen Familienmodell"
ist auch die Bezeichnung "Krebsfamilie"
gebräuchlich, deren Eigenschaften wie folgt beschrieben werden:
Verwischte innerfamiliäre Grenzen, Starrheit (Rigidität), Isolation
gegenüber der Umwelt, stark eingeschränkte Kommunikation, Konfliktvermeidung
und Gefühlsunterdrückung, die Dreiecksbildung um den Patienten,
stellt eine Konzentration auf das Kind und/oder die Krankheit dar, die
von Familien- und/oder Ehekonflikten ablenken soll (Minuchin et al.1978,
auch Jackson 1966, Meissner 1966, Titschener 1976).
Diese
Sichtweise geht von einem in eine Richtung wirkenden Einfluß aus,
durch den die Familienmuster die Krankheit verursachen und damit sehr
häufig zu einer Schuldzuweisung an die Familien führt. Hinter
dieser Verursachungshypothese steht letztlich die Frage: wer ist schuld
an der Krankheit, sind es die Familienkonflikte, oder verursachen die
Familienkonflikte die Krankheit? Der klinische Therapeut orientiert
sich dabei an den Schwächen und pathologischen Erscheinungen und
interpretiert die Muster der Familie voreingenommen als fehlangepaßt,
obwohl sie durchaus auch einen adaptiven Wert haben können.
nach
oben
5.1.
Der biopsychosoziale Ansatz:
In
seiner Arbeit "Zur Entwicklung einer beziehungsdynamischen Sicht
in der Psychosomatik" kritisierte Wirsching (1986) dieses Bild
einer "idealtypischen Krebsfamilie"
im Sinne von Minuchin, Bahnson, LeShan, und macht die Schwierigkeiten
der bisherigen Familienpsychosomatik deutlich:
- Die Familienforschung
scheiterte an dem Versuch, familiäre Ursachen körperlicher
Krankheiten zu ergründen.
- Die
Familientherapie scheitert an dem Versuch, den Patienten und/oder
seine Familie zu einer Veränderung krankmachender Strukturen
zu bewegen, an deren Nachweis bereits die Forschung gescheitert ist.
Welche
theoretischen Ansätze scheinen besser geeignet, die Bewältigungsstrategien
von Familien nach einer schweren Lebenskrise zu unterstützen und
dabei ihre gesundheitsrelevanten Kräfte zu erhalten bzw. zu fördern?
Im oft ideologisch diskutierten "Dickicht" zahlreicher familientherapeutischer
Ansätze hat sich in den letzten Jahren bei körperlich kranken
Kindern und ihren Familien eine ganzheitliche/integrative Fragestellung
bewährt, die derzeit vor allem durch Beatrice Wood (1992, 1994)
vertreten wird und die eine ausschließlich kausal argumentierende "Familienpsychosomatik"
revidiert (sh.dazu auch Engel 197; Weiner 1992, Küchenhoff 1996;
Hauser et al.1996).
Dieser
familienzentrierten "Psychosomatik" liegen folgende Annahmen
zugrunde (Wood 1994, Wirsching 1990, Bürgin, 1993):
- Betrachten wir
Familien unter einem ganzheitlichen ökologischen (psychobiologisch
nach Wood) Aspekt ist sie ein
"Ausschnitt eines übergreifenden, krankheitsbestimmenden
Gesamtfeldes ..., dessen biologische, psychologische und soziale Anteile
in Wechselwirkung und Austausch miteinander und mit dem Umfeld stehen."
- Familien
enthalten vielfältige, kreisförmig ablaufende Prozesse
und die Probleme der Krankheitsbewältigung "ziehen weitreichende,
die Krankheitsanfälligkeit fördernde Belastungen nach sich.
Familiale Konflikte, welche die Krankheitsentstehung fördern,
erweisen sich als Hindernis bei der Krankheitsbewältigung. Ein
Circulus vitiosus engt die Entwicklungs- und Problemlösungsfähigkeit
der Familie zunehmend ein."
- Die Familie organisiert
sich bei Einflüssen von außen selbst und gibt sich eine
neue Gestalt. Qualitative strukturelle Veränderungen an einem
Punkt bewirken
"sprunghafte Veränderungen auf allen Ebenen des Gesamtfeldes",
ohne daß das Ergebnis voraussagbar wäre" (Wirsching,
1993)
Diese
neueren Ansätzen einer familienzentrierten Psyschosomatik wenden
sich einem Problemlösungsprozeß zu, der sich weniger an
den Anzeichen von Störungen und Belastungen, d.h. an der "Pathologie" orientiert,
sondern daran, welche positiven Kräfte und Ressourcen im Patienten,
seinem sozialen Umfeld, aber auch im Behandlungssystem vorhanden sind.
Darauf bezogene Interventionsansätze sollen Familien unterstützen,
ihre gesundheitserhaltenden oder gesundheitsförderlichen Kräfte
zu entfalten. Diese Fragestellung sucht nach dem was heilt und hilft,
nach der "Salutogenese", und konzentriert sich weniger auf
die Kranheitsentstehungsprozesse, auf die "Pathogenese".
Das Konzept der "Salutogenese"
verschiebt die Aufmerksamkeit auf die vitalen Ressourcen einer Familie
und ist nicht an ihren Defiziten orientiert (nicht zu verwechseln mit
dem Ansatz des "positiven Denkens). Die Familie ist dabei ein mitmenschliches
System, in dem Menschen nicht nur krank, sondern auch gesund werden können.
nach
oben
6.
Familienorientierte therapeutische Haltung - praktische Konsequenzen
dieses Ansatzes
6.1.
Patient und Familie:
Doch
dieser familienzentrierte Ansatz, der sich dem Konzept der "Salutogenese" zuwendet,
ist nicht nur ein neues Paradigma, er beinhaltet konkrete therapeutische
Verhaltenskonsequenzen, die ich im folgenden darstellen möchte:
Orientieren
wir uns an diesem integrativen-biopsychosozialen Behandlungsansatz
der neueren Familienpsychosomatik müssen wir uns auch die Frage
stellen, welche familientherapeutische Haltung sich in einem klinischen
Kontext bewährt hat, in dem wir Familien gleichzeitig als Betroffenen
und Betreuenden begegnen, und selbst das Behandlungsteam in seiner
Involviertheit als Teil eines erweiterten "Familiensystems"
zu betrachten ist. Daher läßt sich in dieser Arbeit was "richtig
oder falsch, angemessen oder unangemessen, nützlich oder schädlich
ist, ... nicht losgelöst von einem Beobachter, von Lebenssituationen
und Kontext beschreiben" (Stierlin 1990, sh. auch Häberle 1990)
Vom Therapeuten erfordert die Arbeit auf einer onkologischen Kinderstation,
sich einem ständigen Reflexionsprozeß zu unterziehen und sich
der Phänomene von Übertragung und Gegenübertragung bewußt
zu werden, gleichzeitig muß er seine Neutralität in der Begegnung
mit den einzelnen Familienmitglieder bewahren. Daher ist eine kontinuierliche
arbeitsbegleitende Supervision dringend erforderlich (Alby 1985, Bürgin
1982, Ulrich 1987).
In
meiner langjährigen familientherapeutischen Tätigkeit, mache
ich immer wieder die Erfahrung, daß Menschen die schweren Belastungen
einer Krankheit, oder den Verlust eines nahen Familienmitgliedes bewältigen,
ohne auseinanderzubrechen. Sie benötigen, oft nur kurzfristig
nach der Diagnosestellung, eine adäquate psychosoziale Unterstützung.
Dabei gilt es den Dialog mit dem Kind und seiner Familie aufrechtzuerhalten
und die auftretenden Fragen auszuhalten. Es geht um eine therapeutische
Begleitung, die in erster Linie in dieser Phase hilft Kraft und Mut
zum Leben zu finden. In der psychosozialen Begleitung krebskranker
Kinder dürfen wir weder in einer "resignativen Passivität"
noch in einem "überaktivem Aktivismus" stecken bleiben,
wir müssen uns einer begleitenden, anfänglich eher supportiven,
entlastenden und die bisherigen Anstrengungen der Familien anerkennenden
psychosozialen Haltung zuwenden. Dabei sollen die intrapsychischen Regeln
der Kinder und Jugendlichen oder das Regelsystem der Familie weitgehend
akzeptiert und befolgt werden. Der Therapeut erhält in der Anfangsphase
der Begleitung eher eine stützende Funktion, die Hoffnung vermittelt
und die Selbstheilungs- und Entwicklungskräfte unterstützt,
damit neue Wege in der Krankheitsverarbeitung entdeckt werden können.
Der
Therapeut muß das krebskranke Kind im Kontext seines Lebenszusammenhangs
und in Wechselbeziehung zu seiner Familie sehen, dies setzt voraus
(Strittmatter, 1994):
- das kranke Kind
in seinen Belastungen und Wünschen wahrzunehmen
- die Mitbetroffenheit
und Belastungen auch der Eltern und Geschwister anzuerkennen
- das krebskranke
Kind und seine Angehörigen in ihrem gemeinsamen Bezugssystem,
der Primärfamilie auch seinen Freundschaftsbeziehungen, vor
allem bei Jugendlichen, zu sehen
- der Stabilität
sowie der Veränderbarkeit und Anpassungsfähigkeit dieses
Systems in bezug auf die Krankheits- und Lebensbewältigung der
Familienmitglieder Bedeutung beizumessen
- ein Gefühl
und ein Verständnis für das Ineinandergreifen des Familien-
und des Behandlungssystems zu bekommen
In
der Psychodynamik der Familie beobachten wir in der akuten Krankheitsphase,
beim Rezidiv und in der Sterbephase ein stärkeres Zusammenrücken
(Bindung), das Zurückstellen zusätzlich belastender Fragen
(Konfliktvermeidung) und den Rückgriff auf Vertrautes (Vermeidung
von Veränderung, Stagnation). Diese Beziehungsmuster, häufig
den erwähnten
"psychosomatischen" Familien zugeschrieben, sind jedoch geeignet,
die Belastungen in einer Krisensituation zu bewältigen.
Jede
Konflikte aufdeckende, auf eine Veränderung der Familienstruktur
abzielende, Individuation und Ablösung fördernde Intervention
wird bei den betroffenen Familien eine große Abwehr auslösen;
diese Abwehr hat zu einem bestimmten Zeitpunkt sogar eine stabilisierende
Funktion für die Familien. Die oft beobachtete momentane Aufrechterhaltung
des Status Quo in dieser belastenden Situation sollten wir eher verstehen
als dies zu verändern. Ein Ausspruch einer Mutter mit einem krebskranken
Kind kurz nach der Diagnosestellung scheint hier zuzutreffen: "Das
ist wie im Krieg, da müssen wir einfach durch, ohne nach rechts
und links zu schauen." Hinter diesem Bedürfnis zu verharren,
die Zeit still zu halten, verbirgt sich vielleicht das uns deutlich
auffallende Festhalten an gleichbleibenden Lebensgewohnheiten bei Vater
und Mutter
Bei
einer stützenden therapeutischen Begleitung werden sowohl die
intrapsychischen Regeln der Kinder als auch das Familiensystem weitgehend
anerkannt. Es können Hoffnung und Reifungsprozesse entstehen,
die die Krise zur Chance einer Neuorientierung machen. Diese Anerkennung
der positiven Coping-Prozesse, bzw. das Verständnis für eine
von der Familie gewählte Existenzmöglichkeit, sind keine "Scheinlösungen" noch
Konfliktvermeidung oder Unterstützung von Stagnation, - -so von
manchen Autoren -, sie sind zumeist eine Überlebensnotwendigkeit
in hoffnungslosen Lebenssituationen.
Diese
therapeutische Haltung anerkennt, daß Familien nach der Diagnose
einer lebensbedrohlichen Erkrankung eines Familienmitgliedes ihre Belastungen
voreinander verbergen, näher zusammenrücken, wenig verändern
und Konflikten aus dem Wege gehen. Es scheint uns sogar unbedingt notwendig,
keine neuen Wege einzuschlagen, wenn das Leben in eine Krise geraten
ist, d.h. Psychotherapie als Konfliktlösung oder Lebensveränderung
ist in dieser Phase nicht angezeigt.
Begleiten
wir Familien auf dem von ihnen gewählten Weg, fühlen sie
sich verstanden und in ihrer Not akzeptiert. Diese therapeutische Haltung
kann die Grundlage zu einer Vertrauensbeziehung sein, die den Weg zu
einer anschließenden, im eigentlichen Sinne "analytischen" Therapie
ebnet. Mit der in der Krise eher wünschenswerten Stagnation der
Beziehungen sollten langfristig Konflikte nicht vermieden werden, z.B. über
Gefühle der Verzweiflung, Schuld, Trauer und Todesängste
zu sprechen. Gerade zum Ende der Therapie, wenn eigentlich die schlimmste
Zeit überwunden scheint, kommt es nicht selten zu körperlichen
und seelischen Zusammenbrüchen; die Angst
über die tödliche Krankheit kann dann zumindest zeitweise nicht
mehr verdrängt werden (sh. Fall Familie F.).
Der
psychosoziale Betreuungsauftrag darf jedoch nicht mit dem Tod des Kindes
enden. Durch die lange Krankheitszeit entsteht eine enge Beziehung
mit dem behandelnden Team, die über den Tod hinausreicht. Auch
wenn wir uns zum Ziel setzen, das kranke Kind zu Hause sterben zu lassen,
- falls die Familie seine Pflege und Begleitung
übernehmen kann (Hinweis auf ambulante Betreuungsschwester
"Brückenpflege") - darf mit dem Tod das Gespräch
nicht abreißen. Die meisten Eltern möchten sehr oft die sie
belastenden Fragen mit dem behandelnden Team klären, z.B. ob sie
bei ihrem Kind etwas versäumt oder falsch gemacht haben. Dabei müssen
wir nach dem Tod eines Kindes von uns aus auf die Familien zugehen und
ihnen ein Gesprächsangebot machen.
nach
oben
6.2.
Was geschieht mit den Behandelnden?
Abschließend
möchte ich ganz kurz auf die Situation der Behandelnden eingehen
(Häberle u. Schwarz 1990).
Die
familienorientierte Betreuung lebensbedrohlich kranker Kinder und Jugendlicher,
die sehr häufig im Krankenhaus zu einer Sterbegleitung wird, ist
nur zu leisten, wenn das Behandlungsteam selbst eine kompetente Unterstützung
erhält. Beziehungskonflikte zwischen den Ärzten, dem Pflegeteam
und den psychosozialen Mitarbeitern müssen so weit geklärt
werden, daß die Zusammenarbeit nicht belastet wird. Entscheidend
ist, daß die Mitarbeiter im Team die Möglichkeit haben,
ihre eigenen Gefühle und Auffassung offen auszudrücken und
zu besprechen. Voraussetzung zu einem konstruktiven "Zusammenleben"
auf dem engen Raum einer Klinistation ist die Akzeptanz der unterschiedlichen
Persönlichkeiten und ihrer Reaktionsweisen auf Krankheit, die Anerkennung
der unterschiedlichen Berufsgruppen und die zentrale Rolle der Eltern
in der Krankheitsbewältigung des Kindes (Spinetta 1981). Die zumeist
hierarchische Struktur unserer Krankenhäuser erschwert jedoch diese
mehr auf Partnerschaft anstelle von Paternalismus gegründete Form
der Zusammenarbeit.
Um
diese Ziele zu erreichen, bedarf es in erster Linie psychosozialer
Konferenzen mit dem ganzen Stationsteam in einer angstfreien Atmosphäre
zwischen den Mitarbeitern, mit der gegenseitigen Akzeptanz der unterschiedlichen
beruflichen Kompetenzen. Darüberhinaus sind externe Supervisions-
oder Balintgruppen, die Erweiterung der psychosozialen Kompetenz durch
Fort- und Weiterbildung für das medizinisch/pflegerische und psychosoziale
Behandlungsteam unbedingt notwendig.
Ich
möchte jedoch auch deutlich machen, daß die Vorstellungen
über eine harmonische und reibungslos funktionierende Station ohne
Konflikte und Reibungsverluste eine Illusion darstellen. Konflikte unter
den Mitarbeitern einer onkologischen Station haben manchmal sogar eine
entlastende Funktion, gerade dann, wenn Trauer und Ängste im Angesicht
einer lebensbedrohlichen Krankheit, ganz besonders bei Kindern und Jugendlichen,
nicht geäußert werden dürfen (Häberle, 1991, Strittmatter
1994).
Verfasserin:
Dr. Heide
Häberle, M.A.