Zur Situation
ausländischer bzw. türkischer Patienten und ihrer Familien
I. Auswanderung, soziokulturelle
Erfahrungen und Krankheit
Um die Situation ausländischer
.Familien - hier am Beispiel türkischer Familien - zu verstehen,
müssen ihre kulturellen und sozialen Erfahrungen berücksichtigt
werden die sie aus ihrem Heimatland mitbringen und die ihr Gesundheits-
und Krankheitsverhalten beeinflussen.Die große Mehrzahl ausländischer
Arbeitnehmer kommt ursprünglich aus agrarischen Gebieten. Wenn
nicht direkt aus einem Dorf ausgewandert, sind sie oft erst einmal
vom Dorf in die Stadt übergesiedelt.So lebten sie vorher in bäuerlichen
Lebenszusammenhängen, in denen hauptsächlich Ackerbau betrieben
wurde.
Die Auswanderung bedeutet
daher für diese Familien eine enorme Veränderung. Sie ist
nicht nur eine kulturelle Entfremdung, sondern ebenso eine Entwertung
ihrer lebensgeschichtlich erworbenen Handlungsmuster, ihrer "Alltagsroutine".
in einer für sie fremden Gesellschaft. "Über Nacht
wird aus einem Bauer, der ein angesehenes Mitglied der Gemeinde war
mit einem Erfahrungsschatz von wertvollem Wissen und Fertigkeiten,
ein Subproletarier, Analphabet, Ignorant, der nur seine Arbeitskraft
zu verkaufen hat." (Ramon et al., 1977).
Je nach den Erfordernissen
der Lebensbedingungen im Aufnahmeland ist eine Anpassung dieser lebensgeschichtlich
erworbenen Verhaltensweisen an die veränderten Bedingungen nötig.Mit
der Auswanderung ist daher ein hohes Maß an Stress verbunden,
der ein großes Risiko für psychische und psychosomatische
Krankheiten darstellt. Frustrationen und Druck im Aufnahmeland können
auch dazu führen, daß bei bestehender Krankheit die Heilung
verzögert wird oder neue Erkrankungen auftreten.
Manchmal flüchten
sich diese Menschen in eine Krankheit aus Angst vor den Anforderungen,
sich in eine fremde Gesellschaft einzugliedern. Türkische Patienten
wenden sich dann auch in den Gastländern manchmal an die Heiler
ihrer Volksmedizin (Hoca's) die mit religiösen Riten versuchen,
einem Kranken zu helfen.
II. Krankheitsvorstellungen
ausländischer Mitbürger:
Die Gesundheit- und Krankheitsvorstellungen
der Eltern beeinflussen erheblich Heilungsprozeß des krebskranken
Kindes.So können Nichtwissen oder Nichtbeachtung der überlieferten
Krankheitsvorstellungen zum Therapieabbruch führen, zumindest
ist das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient erheblich
belastet. Bei längerer Aufenthaltsdauer im Gastland werden sprachliche
Barrieren für die ärztliche und psychotherapeutische Beziehung
weniger wichtig. Scheitert die Verständigung an nicht sprachlich
bedingten Mißverständnissen, kommt eine Therapie, die, -sprachlich
gesehen durchaus möglich wäre, nicht zustande.Wie sehen diese
unterschiedlichen Krankheitsvorstellungen aus (M.
Özelsel 1990).
1. Krankheit ohne das
subjektive Empfinden des Krankseins ist meist nicht vorstellbar und
so werden die ersten auftretenden Beschwerden für den Krankheitsbeginn
gehalten. Weiter zurückliegende anamnestische Fragen des Arztes
oder des Psychologen können deshalb vom türkischen Patienten
als Mißtrauen gewertet werden.2. Manchmal werden absichtlich
wichtige Angaben verschwiegen , um die Fähigkeiten des Behandelnden
zu überprüfen. Der westliche Arzt/Therapeut deutet dieses
Verhalten jedoch als mangelnde Bereitschaft bzw. Vertrauen des Patienten
zur Mitarbeit.3. In der Heimat des türkischen Arbeitnehmers
herrscht ein ganzheitliches Gesundheitsverständnis. Krankheit
ist nicht "organspezifisch"
sondern wird als körperlich-seelisches Leiden des gesamten Menschen
empfunden. Angaben des Patienten wie "ganz krank,
überall" werden vom deutschen Arzt daher als ungenau und
für die Diagnose unbrauchbar gewertet. Es entsteht eine mehr oder
weniger explizite Geringschätzung der geistigen Fähigkeiten
des Patienten, der nicht in der Lage scheint, differenzierte Angaben
zu machen. Der Patient empfindet jedoch den Arzt als unfähig ,der
nach "Einzelteilen" fragt , wo doch offensichtlich der "ganze
Mensch" leidet.
4. Aufgrund einer anderen
Sichtweise werden Symptome auch als Ursache interpretiert. So kann
z.B. ein Nichtbehandeln eines Fiebers, welches vom Arzt als Abwehrreaktion
des Körpers gesehen wird vom Patienten als Nicht-Behandelnwollen
seiner Krankheit gedeutet werden.
Das Vertrauen in die westliche
Apparate-und Medikamentenmedizin ist meist groß. Ebenso groß sind
die Erfolgserwartungen. Wenn jedoch trotz Apparate- und Medikamenteneinsatz
keine baldige Besserung eintritt, schlägt das Vertrauen in Skepsis
um. und führt zu Abbrüchen oder magischen Behandlungsversuchen
Aus Unkenntnis der unterschiedlichen kulturellen Krankheitsvorstellungen,
ist der Beginn der Arzt-Patient-Beziehung oft von gegenseitigem Mißtrauen
gekennzeichnet (Özelsel, A. 1990).
Krankheitsvorstellungen
aus der Volksmedizin
Es gibt grundsätzlich
unterschiedliche Formen der Krankheitsbewältigung bei deutschen
und türkischen Familien.Sie sind beeinflußt von spezifischen
Krankheitsvorstellung aus der türkischen Volksmedizin, die von
Koen-Emge (1988) folgendermaßen beschrieben werden und auch im
Gastland ihre Gültigkeit bewahren:
- Magisch-religiöse
Krankheitsvorstellungen, wie der böse-Blick
"Nazar" der hauptsächlich durch Leute mit blauen Augen
oder durch Augen, die Eifersucht und Neid ausstrahlen, hervorgerufen
wird. Diese Personen bezwecken aber nicht bewußt das Unheil.-
der Einfluß von Magie "büyü", hinter der
sich bewußte und geplante Absichten verbergen, um jemand Unheil
zuzufügen und bösen Geistern "cins", die oft als
Ursache für Krankheiten und Leiden im zwischenmenschlichen Bereich
angesehen werden( Krankheiten, die durch böse Kräfte verursacht
werden)- Mechanische Krankheitsvorstellungen wie Verrutschen und Lageveränderung
der Organe,( z.B.. der Nabelfall "Göbek düsmesi").-
Naturalistische Krankheitsvorstellungen, wie der Einfluß von
Witterung, Nahrung und übernommenen Erklärungsmodelle aus
der westlichen Medizin.
Der Arzt bzw... die Pflegenden
müssen daher eine andere Art der Aufklärung z.B. bei operativen
Eingriffen, der Mitteilung der Diagnose einer Krebserkrankung wählen.
Während in Deutschland eine "gedankliche Weiterverarbeitung" als
Krankheitsbewältigung eher wünschenswert ist, neigt man häufig
in der Türkei dazu, die Krankheit zu "bagatellisieren, herunterzuspielen
und abzulenken". Der türkische Patient und seine Familie
sind damit zusätzlich belastet, wenn sie (nach Aussagen von Özelsel)
zu viel mit Krankheitsinformationen gefüttert werden. Dadurch
können die vertrauten Krankheitsbewältigungsformen nicht
angewendet werden . Zugleich glaubt er, wenig oder kaum Einfluß auf
den Krankheitsverlauf zu haben, was ihn noch hilfloser macht. Dies
sind ungünstige und hinderliche Voraussetzungen für einen
Heilungsprozeß
Daher ist eine ausführliche Vorbereitung notwendig, bei der vor
allem das soziale Umfeld miteinbezogen werden sollte. Meine Erfahrungen
als türkische Psychologin auf einer Kinderkrebsstation zeigen ein
differenzierteres Bild: es gibt Familien, die keine genauen Informationen über
das Krankheitsbild haben wollen, es gibt aber auch solche, die jede Kleinigkeit
der Erkrankung genauestens erfahren möchten. Dies hängt z.B.
mit der Länge des Aufenthaltes in Deutschland und dem Bildungsstand
zusammen. Daher ist nicht unbedingt der Schluß zu ziehen, daß türkische
Familien weniger Informationen brauchen.
III.Psycho-soziale Begleitung
türkischer Familien auf einer Kinderkrebsstation
Türkische Familien
mit einem krebskranken Kind brauchen die gleichen psychosozialen Hilfen
wie deutsche Kinder und Ihre Angehörigen. Ausländische Mitbürger
haben jedoch zusätzliche Probleme die vor allem mit ihrem Aufenthaltstatus
, ihrer Arbeitssituation, den Wohnverhältnisse, der spezifischen
sozialkulturellen Familienproblematik zusammenhängen.Nach 6-jähriger
Erfahrung auf einer Kinderkrebsstation in Berlin sind es die folgende
Problembereiche, die immer wieder auftreten und Unterstützung
brauchen:
1. Die Krankheit
Kenntnisse
über die Krankheit sind mit hoher Angst besetzt und werden gleichzeitig
mit Tod in Zusammenhang gebracht. Türkische Patienten sind manchmal
schwer zu überzeugen, daß es . eine Heilung geben kann. So
vermitteln wir ihnen manchmal Kontakte mit einem geheilten Patienten.Ein
Beispiel:Ein Vater aus Anatolien, hatte den festen Glauben, daß sein
Kind sterben wird und es reichten auch mehrere Gespräche mit dem
Arzt nicht aus, daß es vielleicht durch die Therapie geheilt werden
kann.Er war felsenfest von dem baldigen Tod des Jugendlichen überzeugt,
weil er seine Krankheit mit der Krankheit der Mutter in Verbindung brachte,
die an Gelbsucht gestorben war. Hier mußte der Arzt sowohl die
Unterschiede zwischen den beiden Erkrankungen klären , als auch
die medizinische Situation in der Türkei und Deutschland verdeutlichen,
da eine Gelbsucht in Deutschland aber auch in der Türkei heute geheilt
werden kann. Es wurde zusätzlich ein türkischer Fachmann hinzugezogen,
der diese Probleme nochmals in der Muttersprache erklärte. Zusätzlich
wurden Gespräche mit betroffenen türkischen Eltern und ihrem
kranken Kind geführt. Erst dann konnte der Vater die Einwilligung
zur Therapie geben. Hätten wir den Vater in seinem Mißtrauen
nicht Ernst genommen, hätte er sein Sohn in die Türkei gebracht,
damit er in der vertrauten Umgebung der Heimat stirbt.Es gibt noch immer
traditionelle Krankheitsvorstellungen bei türkischen Eltern und
man muß darauf achten, inwieweit sie der Krankheitsbewältigung
dienen oder eher hinderlich sind. Daher ist eine enge Zusammenarbeit
zwischen Eltern und Ärzten unbedingt notwendig, um für den
Patienten den besten Lösungsweg zu finden, vielleicht auch den,
der sowohl eine Chemotherapie als auch die traditionellen Heilmittel
zuläßt, soweit sie nicht schädigend für das Kind
sind.
2. Die Lebenssituation
der ausländischen Familien:
Die Probleme bei der Arbeit,
wie frei zu sein für die Betreuung des kranken Kindes, bereiten
manchen Eltern enorme Schwierigkeiten . Die Angst den Arbeitsplatz
zu verlieren ist sehr viel größer als bei deutschen Eltern,
auch wenn sie schon viele Jahre in Deutschland beschäftigt sind.Türkische
Familien sind im allgemeinen ökonomisch sehr viel schlechter gestellt
und viele Frauen sind gezwungen mitzuverdienen. Daher haben die Mütter
immer ein schlechtes Gewissen, den vielen Anforderungen, z.B. auf der
Station für das kranke Kind dazusein, Arbeiten zu gehen, um Geld
zu verdienen und gleichzeitig die Familie zu versorgen.Daher ist eine
sozialarbeiterische Beratung sehr wichtig, die die Familien über
ihre Rechte und Pflichten aufklärt. Eine Fremdhilfe (wie Haushaltshilfe
bzw. Einzelfallhilfe) wird von ausländischen Mitbürgern nicht
gerne in Anspruch genommen. Sie wünschen sich vor allem, daß Verwandte
aus der Heimat kommen, um ihnen zu helfen
Wenn sie über die
Infektionsgefahren ihres krebskranken Kindes erfahren, erwarten die
Familie zumeist sofortige Hilfe bei der Wohnungssuche, im Glauben,
daß eine ärztliche Bescheinigung ihnen z.B. bei der Wohnungssuche
weiterhelfen könnte.. Ihr Anliegen ist verständlich, denn
ihre Wohnungen liegen meist in schlechten Wohngegenden, haben schwer
beheizbare, feuchte Räume, sowie mangelhafte sanitäre Einrichtungen.
3. Die Lebensplanung:
Die Erkrankung des Kindes
stellt die ganze Lebenssituation in Frage. Bei Familien, die in den
nächsten Jahren für immer in die Türkei zurückkehren
wollten, zerplatzt dieser Gedanke wie eine Luftblase und sie sind gezwungen,
ihren gesamten Lebensplan zu ändern. Alles worauf sie gehofft
hatten, eine Rückkehr in die Heimat, ein besseres Leben in der
Türkei wird zunichte gemacht. Sie haben oft eine große Wut
auf das kranke Kind, die sie nicht
äußern dürfen, und wenn sie ausgesprochen wird, führt
sie zu einem schlechten Gewissen und Schuldgefühlen. Diese großen
Gefühlsambivalenzen verursachen gerade zu Beginn der Therapie bei
manchen Eltern DepressionenBei dem Wunsch nach Rückkehr in die Türkei
mit dem kranken Kind, sollte mit den Eltern besprochen werden, ob sie
Vertrauen in die türkischen Ärzte haben und die Dauertherapie
in der Türkei fortgeführt werden kann. Dies setzt voraus, daß am
Heimatort ausreichende medizinische Einrichtungen vorhanden sind und
die Familie versichert ist.
Entscheiden sie sich jedoch
für die Therapie in der deutschen Klinik, ist der nächste
Schritt, ihnen in ihrer Lebensplanung zu helfen
4. Familiendynamik:
Viele Migranten kommen
aus Großfamilien. In der Fremde sind sie plötzlich als Kleinfamilien
auf sich alleine gestellt. Es fehlt an Nachbarschaftshilfe, an Kontakten
und sie sind häufig in ihrem Wohngebiet isoliert, es sei denn,
sie leben in einem ausländischen Ballungsgebiet (Ghetto).Viele
Ehefrauen arbeiten und stellen damit dem Ehemann auch seine traditionelle
Rolle als Ernährer der Familie in Frage. Diese gezwungenermaßen "neue" Familienstruktur
ist die Quelle für Rollenverschiebungen und -konflikte in der
Partnerschaft.Durch die Auflösung stabilisierender Familienbande
werden die Traditionen der Heimat eher noch verhärtet und verstärkt.
Hinzu kommen unsichere Zukunftsaussichten und Aufenthaltsstatus in
Deutschland. Es entwickelt sich ein erhöhtes Mißtrauen gegenüber
der deutschen Umwelt, als Folgen davon entstehen Angst, Depression,
Aggressivität und Dogmatismus.
In Krisensituationen wie
bei der lebensbedrohlichen Erkrankung eines Kindes treten Familienkonflikte
auf, die therapeutische Hilfe brauchen. Für türkische Familien
ist es meist sehr peinlich, persönliche Konflikte mit einem Fremden
zu besprechen und es braucht viel Einfühlungsvermögen und
Kulturkenntnis, damit sie diese Hilfe in Anspruch nehmen können.
Ganz allgemein haben ausländische
Familien mit einem krebskranken Kind mehr Schwierigkeiten und Probleme
vorzuweisen als deutsche Eltern und brauchen mehr Unterstützung,
Beratung und Hilfe.
5. Diskriminierung:
Seit 1989, der Zusammenführung
beider deutschen Staaten und nach den fremdenfeindlichen Ausschreitungen,
sind Diskriminierungen türkischer Familien am Arbeitsplatz, bei
der Wohnungssuche, in der Schule usw. vermehrt zu beobachten. In den
Gesprächen mit ausländischen Eltern treten verstärkt
ihre Existenzängste auf.
Zusammenfassung
Die Verständigungsprobleme
zwischen türkischen Patienten und dem medizinischen Personal
in Deutschland ist nicht nur auf die Sprachbarrieren zurückzuführen,
sondern auch auf kulturelle Unterschiede im Krankheitsverständnis
und Krankheitsverhalten. Die Untersuchung von Koen-Emge (1988) zeigte,
daß Krankheitsvorstellungen aus der Volksmedizin im Zuge der
Auswanderung zwar oft verloren gehen, daß sie jedoch in Bruchstücken
im Hintergrund schlummern, auch wenn sie nicht erwähnt werden.
Sie sind umso präsenter, je mehr sie von einem sozialen Umfeld
getragen werden, wie zum Beispiel durch die Großfamilie oder
durch ein Ausländerghetto. Die Erfahrungen aus der Volksmedizin
werden vor allem bei Krankheiten und Beschwerdebildern angewendet,
für die die westliche Medizin keine ersichtlichen Erfolge vorweisen
kann, auf der Suche nach Heilung. Grundsätzlich bleibt die westliche
Medizin, solange sie erreichbar ist, primäre Anlaufstelle in
Krankheitsfällen.
Auch wenn die Krankheitskonzepte
aus der Volksmedizin einem Wandel unterliegen und sich je nach Gegebenheiten
der Umwelt verändern, bleiben zwei sehr wesentliche Faktoren bestehen:
1. die Krankheit bricht
von "außen" über den Menschen herein,2. das
ganzheitliche Verständnis und Erleben von Kranksein.Ist die
Krankheit ein Geschehen, das von "außen" über
den Menschen kommt, werden Erklärungen, die den Patienten für
seine Krankheit verantwortlich machen, nicht verstanden und abgelehnt.
So werden psychologische Erklärungen, die den Einzelnen sehr
stark auf seine "eigene", "persönliche"
Geschichte zurückwerfen, vom türkischen Patienten nicht angenommen.
Er versteht sich nicht so sehr als isoliertes Individuum, sondern als
Teil der Gemeinschaft, der er angehört.Die Krankheit wird auch
nicht auf bestimmte Organe beschränkt, wie es der Sichtweise der
westlichen Medizin entspricht, -sondern krank ist der "ganze Mensch".
Auf diese Weise wird Krankheit von türkischen Patienten oft nicht
organbezogen gesehen und bezeichnet, sondern als ein den ganzen Körper
beeinträchtigendes Ereignis. Dieses Verhalten wird von Vertretern
der westlichen Medizin häufig mißverstanden und als "dramatisieren",
"simulieren" oder "sprachliche Unqualifiziertheit"
eingeordnet. Dieses Verhalten ist ein Ausdruck eines ganzheitlichen
Erlebens von Kranksein, das sich in der Sprache, in der Mimik und den
Gesten des türkischen Patienten niederschlägt.zum
Anfang
Texte
aus dem Buch 'Leben will ich jeden Tag'
von
Heide Häberle und Dietrich Niethammer
Abdruck
mit freundlicher Genehmigung des Herder Verlages