Entspannungs- und Imaginationsverfahren
zur Angst- und Schmerzminderung
Schmerzhafte
invasive medizinische Eingriffe wie Blutentnahmen, Lumbal- und Knochenmarkpunktionen
sind für
die meisten Kinder eine Quelle von Angst und Schmerzen, für
die Eltern mit Angst, Hilflosigkeits- und Ohnmachtsgefühlen
verbunden und auch für das Klinikpersonal belastend, müssen
sie doch die unangenehmen Prozeduren durchführen. Im Folgenden
sollen Ansätze dargestellt werden, wie mit dieser allseits belastenden
Situation umgegangen werden kann.
Dazu
wollen wir zunächst einen Blick darauf werfen, was Kinder und
Jugendliche spontan machen, wenn sie mit unangenehmen, schmerzbereitenden
Situationen konfrontiert sind. Sie berichten von einer Vielzahl von
Bewältigungsversuchen. So versuchen sie, sich auf unterschiedlichste
Art abzulenken, indem sie z.B. intensiv an andere Dinge denken, sich
woanders hinträumen, oder auch bis Hundert zählen. Das
fanden LeBaron, Zeltzer & Fanurik (1989), die sechs- bis zehnjährige
Kinder zu diesem Thema befragten. Auch anderen Autoren zufolge (Peterson & Toler
1988, Siegel & Smith 1991), kann man davon ausgehen, daß die
Mehrzahl der Kinder und Jugendlichen auch ohne spezielle Anleitung über
ein ganzes Repertoire von Mechanismen verfügt, Stress-Situationen
zu meistern.
Dazu
gehört:
Tiefes
und ruhiges Atmen, sich ganz auf das Atmen konzentrieren, dabei
die Muskeln entspannen (Entspannung).
Inneres
Sprechen": Es ist nicht so schlimm. Peter hat es ausgehalten.
(Beruhigende Selbstgespräche)
Ich
werde jetzt ganz still sitzen, dann ist es schnell vorbei. Aber
auch: Augen zu und durch. (Handlungsanleitende Selbstgespräche)
An
etwas anderes denken, überlegen, was man hinterher machen
kann.. (Internale Aufmerksamkeitsablenkung)
Sich
ganz intensiv auf Außenreize konzentrieren, z.B. Stimmen
auf dem Gang: Wer spricht da? Auch Walkman hören (Externale
Aufmerksamkeitsablenkung.
Positive
Bewertung: Sich vorstellen, daß man durch Behandlung wieder
gesund wird.
Information
einholen: Fragen, was gerade gemacht wird, wofür welches Instrument
ist etc.
Körperliche
Unterstützung einholen, Ablenkung durch Aktivität: Vater
oder Mutter fest die Hand drücken, Nähe spüren,
sich halten lassen.
Medikament,
Schmerzmittel erbitten.
Nicht
viel anderes ist es, was Eltern häufig intuitiv und professionelle
Helfer gezielt und systematisch tun, um Kindern die Schmerzsituation
zu erleichtern, ihnen ein gewisses Maß an Selbstkontrolle zu
ermöglichen. Es gilt herauszufinden, über welche Bewältigungsmechanismen
das Kind spontan verfügt, ob sie hilfreich oder eventuell eher
hinderlich sind, und wie man sie noch effektiver einsetzen kann.
Kinder
mit natürlichem Neugierverhalten, aktivem Suchen nach Information:
- was macht der Arzt, wie und wann-berichten über weniger Angst
und erholen sich im allgemeinen auch schneller von medizinischen
Eingriffen, als Kinder, die Informationen vermeiden, nichts hören
wollen. Die Letzteren geben sich teilweise betont fröhlich,
geraten jedoch kurz vor oder während der Prozedur in Panik,
schreien, toben, treten und sind keiner Intervention oder Ansprache
mehr zugänglich. Unter den "vermeidenden" Kindern
findet man auch solche, die sich nur passiv verhalten und solche,
die sehr weinerlich, bekümmert, klagend sind und auch nach dem
Eingriff noch traurig und sorgenvoll wirken (Huber, Jay et. al. 1988,
Peterson, 1990). Generell kann man sagen, daß jüngere
Kinder spontan meist ungünstigere und weniger wirksame Bewältigungsstrategien
verwenden als ältere Kinder. Sie benötigen Unterstützung,
insbesondere Unterstützung durch die Eltern.
Fragt
man Kinder, wie Ross & Ross (1984) es getan haben, die fast tausend
Fünf- bis Zwölfjährige nach schmerzhaften Eingriffen
interviewten, was ihnen am meisten geholfen habe, so berichten 99%
der Kinder, daß sie die Anwesenheit der Eltern als am Hilfreichsten
erlebten. Dies scheint allerdings in Widerspruch zu Beobachtungen
von medizinischem Personal, daß nämlich Kinder bei Anwesenheit
der Eltern anhaltender und intensiver Weinen, als bei deren Abwesenheit.
Für
den professionellen Helfer heißt das, nicht isoliert bei dem
Kind zu intervenieren,sondern die Eltern in Vorbereitungen, Gedanken,
Informationen, Maßnahmen so einbeziehen, daß sie ihre
Hilfsfunktion auch erfüllen können. So konnten Jay & Elliot
(1990) zeigen, daß gut instruierte und informierte Eltern ihre
Unterstützungsfunktion besser wahrnehmen konnten als uninformierte
Eltern und sich auch als kompetenter erlebten.
Ziel
psychologischer Interventionen soll es sein, die Angst von Kindern
und Eltern zu mindern, das Ausmaß der Schmerzen zu reduzieren
und Kind und Eltern das Gefühl geben, selbst etwas bewirken
zu können und nicht der Krankheit, den Ärzten , den vielfältigen
schmerzhaften Prozeduren hilflos ausgeliefert zu sein. Nicht zuletzt
wird dadurch auch die Arbeit des medizinischen Personals erleichtert.
Was solche Interventionen sicher nicht können, ist völlige
Schmerzfreiheit und völlig angstfreie Kinder und Eltern zu produzieren.
Welche
Möglichkeiten gibt es, dieses Ziel zu erreichen?
Information
Die
gebräuchlichste Methode zur Vorbereitung auf schmerzhafte medizinische
Eingriffe ist die Information. Die Wirkung beruht auf der gut untersuchten
psychologischen Annahme, daß unbekannte Situationen stärkere
Angst auslösen als bekannte oder vorhersagbare Ereignisse. Durch
Information können falsche Vorstellungen korrigiert, Bewältigungsstrategien
antizipierend geübt werden. Eine zentrale Bedeutung kommt dabei
Aufklärungsgesprächen zu, in denen die Fragen nach dem "Warum"
ist dieser Eingriff notwendig? "Was" geschieht? "Was"
fühle ich? beantwortet werden. Das Kind sollte dabei aktiv teilnehmen
und ermutigt werden, Fragen zu stellen. Ergänzt werden kann das
Gespräch durch Bilder- und Malbücher. Gerade in unserem Bereich
liegen ganz hervorragende Broschüren für Kinder und Eltern
vor, wie z.B. "Ich habe einen Tumor " oder
"Leukämie, was ist das?" Während diese Art der
Hintergrundinformation und des prozeduralen Ablaufs (prozedurale Information)
im allgemeinen zur Klinikroutine gehört, werden Informationen,
die sich auf Empfindungen und Sinneseindrücke beziehen (sensorische
Information), eher vernachlässigt. Sensorische Information, -
d.h.: wie fühlt es sich an, wenn z.B. die Haut vor der Punktion
gereinigt wird? Warm, kalt, bizzelt es, wird die Haut pelzig, wie riecht
es, womit verbinde ich bestimmte Gerüche? Ist der Einstich ein
Pieks oder verspüre ich eher einen Druck, Welche Geräusche
höre ich? - erlauben es dem Kind, Reaktionen und Gefühle
vorwegzunehmen und eventuell zu verändern. Sie sollten bei der
Vorbereitung nicht fehlen.
Bei
jüngeren Kindern hat sich eine Vorbereitung in spielerischer
Form am besten bewährt. Ein Arztkoffer angereichert mit echten
Utensilien wie Spritzen, Tupfer usw. erlauben es, für das Kind
völlig gefahrlos, die verschiedenen Schritte medizinischer Eingriffe
kennenzulernen, an Puppen oder Erwachsenen auszuprobieren und verschiedene
Bewältigungsstile zu testen: Hilft es, wenn ich schreie, den
Arm wegziehe? Was passiert, wenn ich nicht stillsitze? Der professionelle
Helfer kann dabei die Rolle eines Modells einnehmen, das zwar auch
Angst äußert, die Situation aber schließlich erfolgreich
besteht.
Bei
Kindern, die schon auf den Anblick eines Arztkoffers ablehnend oder
panisch reagieren, reicht es meist aus, zunächst ein anderes
Spiel anzubieten, um zu einem späteren Zeitpunkt mit einem anderen
Kind oder Puppe "Doktor" zu spielen, wodurch fast immer
in kürzester Zeit die Neugier des Kindes geweckt wird. Es kann
dann vorsichtig und schrittweise in das Spiel einbezogen werden.
Ebenfalls
bewährt haben sich Filme (ab Schulalter), in denen "Modellkinder"
Informationen über sich, das Krankenhaus und über Abläufe
bei medizinischen Eingriffen geben und diese schließlich bewältigen.
Wichtig ist dabei , daß das "Modell" Identifikationsmöglichkeit
hinsichtlich Alter und Geschlecht bietet und die Situation nicht in "Supermanmanier" bewältigt.
Es soll vielmehr seine Befürchtungen und Ängste äußern,
eventuell berichten, was es schon alles ausprobiert hat, um die Prozedur
zu überstehen und wie es sich jetzt in der kritischen Situation
verhält. Diese Modellfunktion kann auch von gleichaltrigen Patienten übernommen
werden. Insbesondere bei sehr eingreifenden Maßnahmen wie Amputationen
sind Begegnungen mit Patienten, die die Operation und ihre Folgen erfolgreich
gemeistert haben, unverzichtbar.
Entspannungsverfahren
Entspannungsverfahren
sind fester Bestandteil psychologischer Behandlung von Stress- und
Schmerz Situationen. Entspannung reduziert den Muskelkonus und die
Sympathikusaktivierung. Ein entspannter Zustand vermittelt ein Gefühl
von Ruhe, Sicherheit und Wohlbefinden. Der Literatur zufolge sind
Entspannungsverfahren bei der Vorbereitung von Kindern auf Operationen
erfolgreicher als alle anderen Maßnahmen (Saile & Schmidt,1992).
Am
bekanntesten und am häufigsten angewendet sind das autogene
Training und die progressive Muskelentspannung nach JACOBSON. Für
Kinder werden diese Verfahren im allgemeinen verkürzt, die Instruktionen
in möglichst phantasievolle Geschichten eingebaut. So sind erfolgreich
durchgeführte Entspannungsübungen bei Kindern immer mit
Vorstellungen, Bildern (= Imaginationen) verbunden. Durch die Konzentration,
die Lenkung der Aufmerksamkeit auf bestimmte Körperempfindungen
und Vorstellungen, nehme ich den Schmerz weniger wahr, werde ich
abgelenkt.
Eine
der wichtigsten Übungen ist das Atmen, ruhiges und gleichmäßiges
Atmen, wobei der Mund leicht geöffnet sein sollte und die Zähne
nicht aufeinanderbeißen. Wie kann man das mit einem Vorschulkind,
mit Grundschulkindern üben? Man kann z.B.:
Wattebäusche
wegblasen
Mit
einem Trinkhalm Seifenblasen im Glas produzieren
Seifenblasen
herstellen, die sukzessive immer größer werden
Kerzen
ausblasen
Papiertücher
aufs Gesicht legen und hochblasen
Windrad
blasen
Diese
konkreten Übungen können in der Folge durch Vorstellungen
ersetzt werden. Das kann so aussehen:" Stell Dir vor, Du bläst
ganz vorsichtig eine große, wunderschön bunte Seifenblase,
schaust ihr nach wie sie glitzert, schwerelos fliegt, bis sie zerplatzt....und
bläst eine neue." Oder: " Stell Dir vor Du wärst
ein Gummiautoreifen, der prall und dick aufgeblasen ist, aber ein
kleines Loch hat, aus dem die Luft leicht zischend entweicht."
Oder: " Du wärst ein Wal, schwimmst im weiten Meer und beim
Ausatmen wird Dein Atem als riesige Fontäne sichtbar."
Oder ein Frosch, der sich aufbläst, Luftballon etc. Ruhiges und
gleichmäßiges Mitatmen durch den Erwachsenen ist für
das Gelingen von zentraler Bedeutung.
Verbinden
kann man diese Atemübungen auch mit Übungen des autogenen
Trainings, z.B. der Ruhevorstellung. Da für Kinder Naturbilder
wie ruhiger See oder blauer Himmel im allgemeinen wenig attraktiv
sind und schnell langweilen, braucht man phantasiebezogenen, lebendige
Inhalte, wie die Geschichte von Kapitän Nemo und seinem Unterseeboot
(Petermann,): Man ist in ein Unterseeboot eingeladen und darf einen
Ausflug in die Meereswelt machen. Dazu muß man sich einen Taucheranzug
anziehen, und indem man langsam in den Anzug steigt, Füße,
Beine usw., verleiht dieser Anzug ein Gefühl von Ruhe, Sicherheit,
Unverletzlichkeit. Gleichmäßiges Atmen ist auch notwendig,
und man kann der Atemluft in Form vieler kleiner aufsteigender Bläschen
nachschauen. Je nach Konzentrationsfähigkeit des Kindes kann
man die Reise ausgestalten und neue Übungen, etwa der "Wärme" einführen.
Die Geschichten sollen spannend sein, jedoch nicht mit zuviel Impetus
vorgetragen werden. Bewährt hat sich ein Sprechen während
des Ausatmens, wodurch das gleichmäßige Atmen des Kindes
erleichtert wird.
Bei
der progressiven Muskelentspannung kann das Kind motorisch
aktiver sein. Verschiedene Muskelgruppen (Hand, Arm, Beine, Bauch,
Gesicht etc.) werden nacheinander kurz bis zum höchsten Punkt
angespannt und danach gelockert, um das Gegenteil von Spannung zu
spüren. Auch hier sollte man die Instruktion dem jeweiligen
Kind anpassen und auf kommerziell besprochene Kassetten verzichten.
Werden die Anweisungen in kleine Geschichten eingebaut, gelingen
die Übungen meist besser: "Stell Dir vor, Ihr wollt Zitronentee
trinken, habt aber keine Zitronenpresse. Du mußt also die halbe
Zitrone in die Hand nehmen und kräftig den Saft auspressen" (Hand-und
Unterarmmuskeln). Oder: "Ihr macht Armdrücken, Du willst
natürlich gewinnen und drückst so fest Du kannst." Oder: "Du
bist fürchterlich wütend und runzelst die Stirn so stark
Du kannst." Und auch: "Ihr macht einen Wettbewerb, wer
die Mundwinkel am besten zu den Ohren hinziehen kann".
Das
Wesentliche von Entspannungstechniken ist, daß das Kind selbst
etwas dazu tun kann, daß die Anspannung nachläßt,
es ruhiger wird und somit Selbstkontrolle erwirbt.
Kognitive
Verfahren
Ablenkung,
"Imagination" aber auch Hypnose werden den kognitiven Verfahren
zugeordnet. Ihre Wirkung beruht, wie auch bei Entspannungsverfahren,
auf Abschwächung oder vorübergehender Blockade der Schmerzwahrnehmung
durch Konzentration auf innere Signale oder äußere Reize.
Vorteil dieser Verfahren ist, daß sie meist ohne längeres
Training wirksam sind, sich gut an die Bedürfnisse verschiedener
Altersgruppen anpassen lassen und somit der Notwendigkeit nach Individualisierung
, - was hilft diesem speziellen Kind -nachkommen, und darüber
hinaus, wie zu Beginn ausgeführt, von vielen Kindern spontan angewendet
werden.
Ablenkung ist
eine uralte Methode, um mit akutem Stress Fertigzuwerden. Es beinhaltet
allerdings mehr als nur das "Schau mal-da!". Je intensiver
die Ablenkung gestaltet wird, um so eher wird das Interesse für
die Dauer des Eingriffs aufrechterhalten.
Die
Bandbreite reicht von Streicheln und Wiegen des Kindes, Kinderliedern
-und reimen, Abzählversen, Fingerspielen über einfache
Atemübungen, wie vorne beschrieben, Bilderbücher, vor
allem solche, aus denen man überraschende Figuren herausklappen
kann oder die mehrdimensionale Szenen darstellen, in denen man
immer etwas Neues entdecken kann, bis hin zum Zählen in Zweier-
oder Dreierschritten aufwärts oder abwärts, und Geschichten
erzählen, möglichst mit einer Lieblingsfigur des jeweiligen
Kindes. Der Lieblingsheld kann Abenteuer bestehen, in Not und schwierige
Situationen geraten, um dann einen Lösungsweg zu finden, wie
beispielweise mit Hilfe eines ganz besonderen, unsichtbaren "magischen
Handschuhs", der die wunderbare Eigenschaft hat, beim Überstreifen
Schmerzen und Angst zu reduzieren.
Handpuppen,
Lieblingsplüschtiere oder Puppen leisten zum Interagieren
ebenso gute Dienste wie imaginäre Telefongespräche. Dazu
ein Beispiel: Thomas, 5 Jahre erhielt hochdosiertes Alexan und
erbrach ganz erbärmlich. Seine Mutter war in Tränen aufgelöst.
Durch einen imaginären Anruf vom Nikolaus, der das Kind unbedingt
sprechen wollte, konnte Thomas Aufmerksamkeit geweckt werden. Er
ließ sich in ein Gespräch verknüpfen, lachte, weil
der Nikolaus dusselige Sachen machte, wie seinen Mantel nicht fand,
statt der Rute einen Besen mitnahm, mit dem er dann jedoch seinen
Schlitten vom Schnee befreien konnte, die Geschenke verwechselte
usw.. Als dem Jungen wieder übel wurde, meinte er: "Sag
dem Nikolaus mal schnell, daß ich Brechen muß. Ich
bin gleich wieder da." Er erbrach kurz und ohne Qual und unterhielt
sich weiter mit dem Nikolaus. Wie wir an diesem Beispiel sehen,
ist der Übergang zwischen Ablenkung und imaginativen Techniken
fließend. Indem ich Vorstellungen leite, lenke ich das Kind
ab.
Imaginative
Techniken sind weniger eigenständige
Methoden, sie ergänzen vielmehr andere Verfahren. Sie vertiefen
die Entspannung. Das sich in der Sonne räkelnde Kätzchen
vermittelt Wohlbefinden, die sich in ihren Panzer zurückziehende
Schildkröte erhält Schutz und Sicherheit. Neben solchen,
mit Angst und Schmerzen unvereinbaren Inhalten, können die
Vorstellungen und Bilder auch schmerztransformierende -(die Bedeutung
des Schmerzes wird verändert)- Inhalte haben. Dazu ein Beispiel,
in dem beide Elemente zum Tragen kommen:
Ein
zehnjähriger Junge, der ein Weltraum und Sciencefictionfan
ist, soll zur Knochenmarkpunktion. Er stellt sich vor, sich im
Cockpit eines Raumschiffs zu befinden mit einer besonderen Erkundungsmission.
Der Kontakt zu ihm erfolgt über ein Funkgerät in Form
eines Zwiegesprächs mit der Leitzentrale. Er scheckt seine
Kontrollknöpfe, berichtet, was er draußen sieht, der
Schmerz wir umgedeutet in den Druck eines Gurtes bei starker
Beschleunigung oder plötzlichen Turbulenzen.
Eine
andere, sehr verbreitete Möglichkeit der Schmerztransformation
ist die Vorstellung des Schmerzes in einer widerwärtigen Farbe,
die das Kind in seine Lieblingsfarbe verwandelt und schließlich
mit dem Atem ausströmen läßt.
Älteren
Kindern kann man auch ruhige, mit Schmerz und Angst unvereinbare
Vorstellungsinhalte anbieten, wie Bilder von ruhig schwebenden Vögeln,
optische und akustische Vorstellungen von Brandung, die nie endend
an den Strand rollt. Farbe, Licht, Geruch kann visualisiert , der
Wind gespürt werden.
Durch
den z.T. suggestiven Charakter der Bilder und Vorstellungen besteht
eine deutliche Ähnlichkeit zu hypnotischen Verfahren. In der
Tat wird in der Literatur für den Anwendungsbereich bei Kindern
und Jugendlichen geleitete Imagination und Hypnose häufig synonym
verwendet. Viele der zuvor aufgeführten Entspannungs- und Ablenkungstechniken
könnten Beispiele für Hypnose sein. Das Kind spielt eine
aktive Rolle in Auswahl und Ausgestaltung der Geschichten und Bilder,
es wird völlig absorbiert und entspannt, nimmt weniger Außenreize
wahr. Der Schmerz ist zwar da, aber er stört nicht mehr so sehr.
Auf diesen Zusammenhang soll hier nur hingewiesen werden. Wer sich
ausführlicher mit hypnotherapeutischer Arbeit mit Kindern und
Jugendlichen beschäftigen will, sei auf das Lehrbuch von Olness & Gardner
(1988) und im deutschsprachigen Raum den Reader von Mrochen, Holtz &Trenkle
(1993) verwiesen.
Am
erfolgreichsten scheint bisher eine Kombination der verschiedenen
Techniken zu sein. Die Wirksamkeit eines "Behandlungspakets"
zur Angstreduktion bei Knochenmarkpunktionen wurde von Jay et al.
mehrfach nachgewiesen. Es umfaßt Information für Kinder
und Eltern, den Einsatz von Modellen (Film), Atemübungen zur
Entspannung, Verhaltensübungen -(der Eingriff wird im Rollenspiel
an Puppe und Therapeut geübt, u.a. auch vom Kind am Therapeuten,
wodurch dem Kind die Möglichkeit einer Identifikation mit dem
Arzt gegeben werden soll und der Therapeut wiederum modellhaft wirksames
Patientenverhalten demonstrieren kann) ,- imaginative Ablenkung in
Form einer Geschichte über den Lieblingshelden, der verschiedene
Abenteuer und Mutproben zu überstehen hat und schließlich
positive Anreize als Ausdruck dafür, daß die Bemühungen
des Kindes , die schwierige Situation zu meistern, gewürdigt
wird. Welchem der einzelnen Elemente die Hauptwirksamkeit zukommt,
scheint von Kind zu Kind zu variieren. Am meisten geschätzt
wird im allgemeinen die Belohnung.
All
den geschilderten Bewältigungsmöglichkeiten zum Trotz,
gibt es eine Reihe von Kindern, die jeglichen Versuchen der Vorbereitung
und Ablenkung widerstehen. Für sie ist ein ausagierendes Spiel
mit -wenn überwacht - auch echten Spritzen ein wichtiges Mittel
der Bewältigung. Wer kennt nicht die Kinder, die mit sichtlicher
Befriedigung und Erleichterung eine Puppe, Plüschtier oder Orange
attackieren.
Voraussetzung
für die Anwendung der beschriebenen Methoden, ist ein Klima
von Vertrauen und Offenheit. Das Kind muß wissen, daß ihm
nichts verheimlicht wird, nichts "hinter seinem Rücken"
geschieht. Es sollte die Möglichkeit haben, Dinge , soweit möglich,
selbst zu bestimmen. So z.B. auch, wann es über bevorstehende
schmerzhafte Eingriffe informiert werden möchte. Selbst Fünfjährige
können oft präzise angeben, zu welchem Zeitpunkt sie "vorgewarnt"
werden möchten, um dann eventuell noch einer Lieblingsbeschäftigung
nachgehen zu können. Idealerweise sollte dieser Zeitraum auch
eingehalten werden, ebenso, wie die Zeit im Behandlungsraum möglichst
kurz sein sollte. Dies alles, um Ohnmachts- und Hilflosigkeitsgefühlen
entgegenzuwirken, dem Kind das Gefühl einer begrenzten Kontrolle
zu geben. Leider ist das im klinischen Alltag nicht immer möglich.
Flexibel
und individuell sollten die Methoden angewendet werden, wobei dem
chronologischen Alter weniger Bedeutung zukommt, als der intellektuellen
und emotionalen Entwicklung. Gerade unter extremer Belastung kommt
es zu regressivem Verhalten ebenso, wie erstaunlich reifem Verhalten
von Kleinkindern. Die Bereitschaft von Kindern, sich auf interessant
gestaltete Entspannungsübungen, spannende Geschichten mit imaginären
Reisen einzulassen, ist im allgemeinen groß und sollte genutzt
werden.
Texte aus
dem Buch 'Leben will ich jeden Tag'
von Heide Häberle
und Dietrich Niethammer
Abdruck mit freundlicher
Genehmigung des Herder Verlages