Meine
Name ist Dorothee Schmid, ich bin heute 18 Jahre alt. Mit 15 Jahren
bin ich an einem Dysgerminom, das ist ein sehr seltener bösartiger
Tumor am Eierstock, erkrankt.
Alles
hat mit einem
harmlosen Bauchweh angefangen. Es wurde nach ein paar Tagen so schlimm,
daß mich meine Mutter zum Sonntagsdienst fahren mußte,
der dann eine Magenverstimmung nach ungründlicher Untersuchung
diagnostizierte. Dies hat meine Mutter dazu veranlaßt, am Montag
die Kinderärztin anzurufen, die mich dann nach einer weiteren
Untersuchung zum Ultraschall ins Krankenhaus schickte.
Dort
wurde ein Tumor festgestellt. Dabei sagte mir der Arzt, daß
man ihn auf jeden Fall rausoperieren müßte, gleich ob gut-
oder bösartig.
O.
K. dachte ich mir, mal was Neues, aber zugleich Erschreckendes,
ich war ja noch nie im Krankenhaus.
Der
Tumor wurde dann mit dem linken Ovar am 01.12.89 entfernt. Ich erholte
mich nach der Operation ganz gut, nur das Warten aufs Ergebnis ließ mir
keine Ruhe. Endlich wollte ich erfahren, daß
der Tumor gutartig war, daß er auch bösartig sein konnte,
verdrängte ich einfach. Krebs haben doch immer nur die Schauspieler,
wie man in den Illustrierten liest. Außerdem sterben da doch so
viele daran. Nein, bei mir muß es gutartig sein. Aber die Ärzte
sagen immer, das Ergebnis kann 10 Tage dauern und sie glauben schon,
daß es gutartig ist. Ich bin ja noch so jung und Eierstocktumore
sind zu 98 % immer gutartig, aber mit 100%iger Sicherheit können
sie mir nichts versprechen.
Genau
in 10 Tagen kam es dann. Ich lag im Zimmer mit 2 Frauen. Der Arzt meinte
zu meiner Mutter: "Frau Schmid, kommen Sie bitte, das Ergebnis
ist soeben eingetroffen" Ich wollte noch sagen: "He, Moment
mal, warum wird mir das nicht zuerst gesagt?!" Aber es blieb mir
im Halse stecken, das Ergebnis war bereits klar, hätt' es mir
doch denken können, wenn ich mal was hab', dann richtig. Aber
so richtig wollte ich es nicht glauben. Als dann meine Mutter mit verheultem
Gesicht wieder mit dem Arzt reinkam, war alles klar. Der noch junge
und vielleicht unerfahrene Arzt sagte: "Also, das Ergebnis ist
zu unser aller Erschrecken und Bedauern" - oder so ähnlich
- "positiv ausgefallen." Positiv hat mich dabei voll irritiert
- also doch alles gut oder wie?
Ich
habe ein Dysgerminom; das ist ein sehr seltener bösartiger Tumor
am Eierstock. Ich erwiderte: "Bösartig ist doch Krebs. Muß ich
jetzt sterben, Herr Doktor?" Die Antwort lautete:
"Mit 100%iger Sicherheit kann man gar nichts sagen, aber wir werden
unser Bestes tun. Zur heutigen Zeit gibt es viele Möglichkeiten.
Wir werden jetzt zum zweiten Mal operieren, um die umliegenden Organe
zu entfernen, damit die nicht auch befallen werden". Denn ich hätte
einen streuenden Tumor, der wie ein Organ durchblutet war. Danach gibt
es eine Chemotherapie, aber jetzt soll ich mich erst einmal erholen.
Gut,
dachte ich mir, ich habe eine Operation überlebt, also überlebe
ich auch eine zweite. Als ich dann noch einmal nachhakte, was ein
Dysgerminom sei, bekam ich zur Antwort, daß noch ein weiterer
Fall von einem älteren Mädchen in Frankreich bekannt
wäre. Dabei hätt' ich noch Glück im Unglück,
denn der Tumor wäre zu 80 % heilbar. Aber von Prozentzahlen
wollte ich gar nichts mehr hören.
Meine
Mutter schluchzte immer noch und sagte immer wieder, ich sei ja so
stark. Das kann sie nicht fassen, sie hätte nie gedacht, daß es
bösartig sein kann. Ich wäre immer ein kerngesundes Kind
gewesen, war nie krank und ich habe bisher nur die Windpocken gehabt.
2.
Anfangsphase der Behandlung:
Nach
meiner zweiten Operation, die am 19.12.89 stattfand und 3 1/2 Stunden
dauerte, erholte ich mich nicht so schnell. Sie war härter und
schwieriger, da unter anderem die Lymphknoten entlang der Hauptschlagader
entfernt wurden.
Kurz
vor der Entlassung, Anfang Januar, erklärte man mir die Nebenwirkungen
der Chemotherapie, die ich dann im Olgahospital bekommen sollte. Aber
ich wollte gar nicht alles hören, ich wollte alles langsam Schritt
für Schritt angehen. Nur als mir mitgeteilt wurde, daß
meine Haare ausfallen würden, bin ich anschließend ins Badezimmer
vor den Spiegel und hab' meine Haare mit den Händen zu überdecken
versucht. Aber ich konnte mich mit Glatze einfach nicht vorstellen.
Als
es dann soweit war und ich ins "Olgäle" auf die K1 kam,
war es schon komisch. Dort sah ich noch so gesund aus im Vergleich
zu den vielen dürren Kindern mit Glatze. Nein! Da gehör'
ich nicht dazu. Obwohl ich abgenommen hatte, war ich noch ganz kräftig.
So wollte ich nicht aussehen.
Ich
kam dann zu einer Gleichaltrigen aufs Zimmer, die auch noch Haare hatte.
Als ich an die Infusion angeschlossen war, wartete ich, daß es
mir schlecht wurde, es wurde mir aber nicht schlecht. Allmählich
wurde mir klar, daß ich mich hier unter Kindern und Jugendlichen
befand, die dasselbe mitmachen wie ich und daß
die auch echt o.k. waren, obwohl sie anders aussahen. Nach ein paar Tagen
schon fühlte ich mich wohl in der Gemeinschaft. Und als bei mir
dann nach 3 Tagen Vinplastin und 2 Tagen Bleomycil Cisplatin an die Reihe
kam, wußte ich, daß zwischen mir und den anderen kein großer
Unterschied mehr besteht.
Wenn
es mir mal schlecht ging, was auch durch die fehlenden Hormone verursacht
wurde, konnte ich mich immer daran halten, daß es hier viele
Kinder gibt, denen es viel schlechter geht als mir.
Geholfen
hat mir während der ganzen Einstiegszeit das gesamte Team der
Station K1. Mit dem psychosozialen Team konnte ich immer reden und
sie haben sich auch für Gespräche mit meiner Mutter Zeit
genommen. Die Ärzte und Schwestern kamen mir hier viel freundlicher
und gelassener vor. Hier war ich eben nicht die Besondere wie im
anderen Krankenhaus, bei der es eben mal schlecht ausfiel, sondern
hier auf der K1 war ich eine unter vielen, die alle Krebs haben.
Schlimm
war während der Anfangsphase und auch während der ganzen
Therapie das viele "Stupfen" (Spritzen) und daß einem
ständig die Haare ausfielen und diese dann am Kopfkissen kratzten
und daß man durch das Neurocil total daneben war und ich dadurch
ständig auf meine Mutter oder Oma angewiesen war.
Natürlich
war es auch gut, daß stets meine Mutter oder Oma da waren. Meinen
Vater allerdings konnte ich in dieser Zeit nicht so gebrauchen, weil
er immer sagte, daß er alles für mich tun würde, damit
ich dies hier nicht mitmachen müßte, er würde sich
sogar für mich ins Bett legen. Dabei war es doch für mich
die klarste Sache von der Welt, daß ich jetzt eben 4 Blöcke à 10-12
Tage
"Chemo" mitmache, um gesund zu werden, außerdem ist mein
Vater total sensibel, was Spritzen angeht. Ihm erzählte ich dann
gar nichts mehr, sonst hätte er sich noch mehr Sorgen gemacht.
Das
Spucken, das immer schlimmer wurde, war auch schrecklich. Deswegen
und wegen der Übelkeit wollte ich auch keinen Besuch haben. Ich
telefonierte lieber, meine Freunde sollten dies hier nicht so mitbekommen.
3.
Behandlungsverlauf bis Ende der Therapie:
Vor
der zweiten Chemo hatte ich dann doch ein bißchen Angst, jetzt
wußte ich ja, wie schlecht es einem gehen kann. Als ich dann
aber wieder auf der Station war, ging ich es wieder stückchenweise
an. Alles bis zur Entlassung konnte ich mir nicht herdenken, da konnte
auch noch so viel dazwischenkommen mit dem Blutbild oder Infekte usw.
Diesmal mußte ich schon beim Vinplastin spucken, was sich steigerte
und bei den 5 Tagen Cisplatin seinen Höhepunkt erreichte.
Essen
wollte ich nie etwas, und wenn mich meine Oma dazu nicht gedrängt
hätte, hätte ich 10 Tage lang nichts gegessen. Mit dem Trinken
war es ähnlich. Mir war es nicht bewußt, daß ich unbedingt
die Tabletten schlucken oder etwas trinken und essen mußte. Durch
das Neurocil vegetierte ich vielmehr eben so dahin, aber geschlafen
habe ich davon leider nicht viel. Es wäre mir lieber gewesen,
ich hätte geschlafen, anstatt die Übelkeit und das Erbrechen
ertragen zu müssen.
Während
des ganzen Aufenthaltes im Krankenhaus war daher auch Ablenkung
nötig. Der Unterricht war bei mir immer willkommen, er hat
mir viel Spaß bereitet.
Genauso
wichtig waren neue Ideen, was ich machen konnte, wie zum Beispiel
Oregami oder malen. Zum Lesen war es mir meistens zu schlecht,
Musik mußte aber immer laufen.
Der
Fernseher war auch gut, aber Videos waren mir, je nach Zustand,
zu anstrengend.
Gut
war auch die 2-Bett-Zimmer-Aufteilung, 3 oder gar 4 wären
zu viel gewesen, und ganz alleine war ich auch immer nur höchstens
1 bis 2 Tage.
Zu
Hause, zwischen den Therapie-Blöcken, konnte und durfte ich natürlich
nichts unternehmen. Auch dort hat mir der Unterricht immer Freude bereitet,
genauso wie der Besuch von Freunden. Wenn ich mich dann etwas erholt
hatte, wollte ich schon mal weggehen, aber ich sah es dann schon ein,
daß es im Stadion oder in der Stadt wegen der Infektionsgefahr
zu gefährlich gewesen wäre. Aber einen Kinobesuch mittags
ließ ich mir dann doch nicht entgehen. Aus diesen Gründen
finde ich eine gemeinsame Aktion der K1-Patienten, wie zum Beispiel
einen Ausflug, sehr sinnvoll, auch um ehemalige Patienten kennenzulernen.
Der
letzte Block war der schlimmste. Bei ihm hatte ich Odancetron, der
Wirkstoff des heutigen Zofrans, ausprobiert. Es wurde als neues Anti-Spuck-Mittel
hochgelobt, aber leider hat es bei mir
überhaupt nicht angeschlagen. Ich mußte das dreifache wie
bei Neurocil spucken, bei Cisplatin bis zu 15mal pro Stunde, tagsüber
und nachts war der Durchschnitt bei ca. 7mal. Geschlafen habe ich dabei
immer nur stückchenweise. Dabei habe ich dann gar nichts mehr gegessen
und pro Tag vielleicht ein Glas Tee getrunken, was dann auch bewirkte,
daß sich meine Magenschleimhaut aufzulösen begann und ich
nur noch Galle, Schleim und Blut spuckte. Hierbei hat sich mein Magen
so verkrampft, daß es nach "Chemoende"
noch einen Monat dauerte, bis ich wieder richtig und alles essen konnte.
4.
Neuer Anfang nach der Behandlung:
Nach
der Entlassung am 01.04.90 bin ich zu Hause immer nur vom Bett zur
Wohnzimmercouch und wieder zurück gewandert. Dabei habe ich ganz
langsam wieder angefangen, etwas zu essen. Nachdem ich 16 kg verloren
hatte, war dies auch das Wichtigste, was ich tun mußte. Auch
die Hormonbehandlung habe ich in dieser Zeit angefangen, was auch gleich
bewirkte, daß ich mich wohler fühlte und die Hitzewallungen,
die Schlafstörungen und meine depressive Laune wegblieben.
Dabei
wollte ich einen totalen Neuanfang machen und erst mal gar nichts von
Krankenhaus und Infusionen usw. hören. Lästig waren dabei
die vielen Bekannten meiner Eltern, die ich gar nicht richtig kannte
und die mich plötzlich mit Geld und Geschenken überhäuften.
Das Schlimmste waren die Sprüche, von wegen ich seh' ja so schlecht
und krank aus und daß alles wieder gut wird. Dabei war doch alles
wieder gut. Ich hab' die Operationen und die Chemotherapie hinter mir,
und jetzt bin ich wieder gesund.
Zu
den Nachsorgeuntersuchungen ging ich am Anfang immer mit meiner Mutter.
Angst hatte ich davor nie, ich war mir immer sicher, daß bei
mir nie wieder etwas auftreten würde.
Ende
September bin ich dann 4 Wochen mit meinen Eltern und meiner 4 1/2
Jahre jüngeren Schwester zur Kur gefahren. Auf der Katharinenhöhe
hat es uns allen super gefallen. Meine Eltern hatten dort die Möglichkeit,
sich mit anderen Eltern auszutauschen, was sehr wichtig war. Ich persönlich
konnte mich dort vom Schulstreß
gut erholen und meine sportlichen Aktivitäten ausprobieren. Im Fußball
hielt ich schon ganz gut wieder mit, und durch Schwimmen und Wandern
steigerte sich meine Kondition wieder ganz gut. Somit konnte ich nach
der Kur wieder richtig mit dem Fußballtraining anfangen, denn ich
spielte in einer Damenmannschaft.
In
der Schule hatte ich bald wieder alles aufgeholt, wiederholen wollte
ich ja nicht.
Im
Mai 1991 fuhr ich dann wieder zur Kur auf die Katharinenhöhe,
diesmal ohne Eltern zur Jugendkur. Nun war ich ja auch schon 16 und
wollte alles alleine machen. Die Kur war wirklich super, dort hatte
ich viele neue Freunde gefunden, da auch 2 vom "Olgäle"
waren. Dort konnte ich auch gut mit anderen über meine Krankheiten
reden, und beim Essen erzählten wir die größten Schauergeschichten
über das Spucken und konnten herzlich dabei lachen. Spaß hatten
wir wirklich immer dort, bei den Ausflügen, beim Spielen oder im
Fotolabor. Ich würde wirklich jedem Jugendlichen raten, einmal eine
Jugendkur mitzumachen.
5.
Wie lebe ich heute mit der Krankheit?
Dies
ist eine schwierige Frage. Ich denke ich hab' es überwunden, wenn
es überhaupt etwas zu überwinden gibt. Ich habe die Krankheit
und lebe mit ihr. Was soll ich auch sonst machen? Ich hab' mich noch
nie darüber geärgert, daß ausgerechnet ich die Krankheit
bekommen mußte - das war nur so ein bißchen bei der Diagnose.
Mir war es lieber, ich hab' die Krankheit als meine Schwester oder
meine Eltern.
Heutzutage
kann ich mit fast jedem darüber reden. Guten Freunden erzähle
ich schon von früher, aber bei Personen, bei denen ich denke,
das geht die doch nichts an, lasse ich auch nichts verlauten.
Durch
PRIMA KLIMA habe ich auch wieder engen Kontakt mit der K1 bekommen,
was mir auch gut gefällt. Bei Besuchen merke ich, daß es
den Leuten bei der "Chemo" viel besser gehen kann. Nur die
psychische Belastung bleibt, und darum bin ich auch davon
überzeugt, daß durch PRIMA KLIMA vieles leichter zu ertragen
ist. Die Freizeit letztes Jahr war wirklich überragend, da kam so
ein richtiges Gemeinschaftsgefühl unter uns allen auf, da hat sich
jeder wohl gefühlt.
Zur
Zeit mache ich ein Freiwilliges Soziales Jahr im Kindergarten, bei
dem ich im Wohnheim wohne. Im Kindergarten gefällt es mir sehr
gut, und im Heim fühle ich mich auch sehr wohl, da ich dort vielen
meiner Freundinnen von meiner Krankheit erzählt habe. Meinem Freund
habe ich auch gleich am Anfang alles erzählt, und er hat es verstanden.
Ich finde es wichtig, wenn man alles erzählen kann, ich denke
sonst manchmal, ich verschweige etwas und habe ein ungutes Gefühl.
Im
Fußball hatten auch alle dafür Verständnis, daß ich
mich am Anfang wegen meiner Narbe nicht in die Mauer stelle.
Im
Juni werde ich wieder zur Jugendkur auf die Katharinenhöhe fahren.
Darauf freue ich mich schon 1 Jahr, denn viele meiner Freundinnen vom
Krankenhaus gehen da mit. Ich denke, es wird ein toller Urlaub für
uns alle.
Danach
werde ich ein Sozialpädagogisches Gymnasium in Radolfzell besuchen
und danach vielleicht mit Tanja Psychologie studieren.
Texte
aus dem Buch 'Leben will ich jeden Tag'
von
Heide Häberle und Dietrich Niethammer
Abdruck
mit freundlicher Genehmigung des Herder Verlages